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Die DDR erwies sich als „Fußnote der Geschichte“ – Historiker B. Müller analysierte, was vom „anderen Deutschland“ übrig blieb

2014-03-03_11akl

StD i.R. Bernhard Müller (Foto: Rolf Gebhardt)

An Rosenmontag ließen es sich rund 100 „Junge Senioren“ nicht nehmen, ins Hans-Rießer-Haus zu kommen zu einer Geschichtsstunde der besonderen Art über eine von allen voll miterlebte Zeitgeschichte – die DDR, und was von ihr bleibt. Darüber referierte Studiendirektor i.R. Bernhard Müller, der „das andere Deutschland“ vor und nach der Wende ausführlich bereist und erforscht hat.

Der Titel des DDR-Vortrags, „eine Fußnote der Geschichte“, geht zurück auf den Schriftsteller Stefan Heym, der – 1913 in Chemnitz geboren – 1933 emigrierte und 1952 aus den USA in die DDR übersiedelte, sich in seinen Romanen mit der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Menschen in unterschiedlichen Regimen auseinandersetzte, einer der Wortführer der DDR- Bürgerrechtsbewegung war und 1994 in Berlin ein Direktmandat für die PDS gewann.

Auch Geschichtswissenschaftler sind durchweg der Meinung, dass von der DDR langfristig nichts übrig bleibt, so Müller. Dabei sei ja die DDR nicht der erste deutsche Staat, der untergegangen ist. Er nannte Preußen, 1947 nach 300 Jahren offiziell aufgelöst. Einen „Diktaturen-Vergleich“ der 40jährigen DDR und der zwölfjährigen Nazi-Herrschaft im „Tausendjährigen Reich“ hielt Müller für unzutreffend, da er das Hitler-Regime verharmlose und den DDR-Staat dämonisiere.

Nichtsdestoweniger begann Müller seine DDR-Analyse mit einer „Diktaturerzählung“. Als der II. Weltkrieg endete und die Rote Armee den Osten Deutschlands besetzte, wurde mit der Gruppe Ulbricht, ein Kommando deutscher Exilkommunisten aus Moskau, 1949 aus der Sowjetzone ein  Staat von Stalins Gnaden etabliert, eine Diktatur der Pläne, die aber ihre Bürger hinter Mauern und Stacheldraht wegsperren musste, damit sie nicht alle weglaufen. Und so bildete sich ein Unrechts- und Überwachungsstaat heraus, eine Erziehungs-, Betreuungs- und Bevormundungsdiktatur mit permanenter Bespitzelung der Bürger durch die allgegenwärtige Staatssicherheit (Stasi).

Und doch entwickelte sich aus diese Zwangslage heraus ein weit verbreitetes Gefühl für Solidarität und Gerechtigkeit, barg auch das Leben unter dem DDR-Regime „bei allen Sorgen und Nöten eine Fülle von privatem Glück in sich“. So Müllers „Arrangement-Erzählung“ nach Zeitzeugen. Dann die „Fortschrittserzählung“: Die Deutsche Demokratische Republik wollte das bessere Deutschland sein, Arbeiter- und Bauernstaat mit kollektivierter Landwirtschaft und volkseigenen Betrieben.und mit einer Kulturpolitik im Zeichen des ideologisch-erzieherischen Auftrags der SED.

Letztere hat laut Müller immerhin direkt oder indirekt auch im vereinten Deutschland renommierte Künstler hervorgebracht: So Eberhard Richter als der bestbezahlte deutsche Maler, Musiker wie Hans Eisler und Rolf Biermann, sowie vor allem Literaten, die zumindest vorübergehend in der DDR ihre Heimat gefunden und/oder unter Repressalien gelitten hatten, angefangen von Berthold Brecht über Heym, Johnson, Kunze, Kunert, Loest und Zwerenz bis Jurek Becker und Heiner Müller. Anna Seghers und Christa Wolf. Geblieben sind auch historisch wertvolle Bauwerke, wenngleich die DDR-Führung Altstädte verkommen ließ und lieber  in Prestigebauten im Zuckerbäckerstil und in trostlosen Plattenbausiedlungen investierte.

Hingegen sind, nachdem die territorialer Spaltung überwunden war, von der Grenzziehung durch die Mauer kaum noch wahrnehmbare Spuren übrig geblieben. Die Erinnerung an den real existierenden Sozialismus wurde in den Abfalleimer der Geschichte verbannt. Als die DDR 1989 ihr 40jähriges Bestehen feierte, war sie wirtschaftlich und politisch am Ende, das ein Jahr später kam.

Laut Müller bleibt als Erbreichtum in Erinnerung: Die friedliche Revolution durch den unerschütterlichen Mut der Bürgerrechtsbewegung, von ökologischen und kirchlichen Gruppierungen, die in kirchlichen Räumen Resonanzboden fanden, und „ob man will oder nicht“ eine Verbreiterung der deutschen Parteienlandschaft nach links durch die aus SED und PDS hervorgegangene „Linken“, die aktuell die drittstärkste Partei im Bundestag darstellt, während von dem kirchlich-religiösen Aufbruch und den Bürgerrechtlern wenig übrig geblieben ist. Der Sog der Konsumwirtschaft hat die ehemalige DDR und ihre Bevölkerung verführt und überwältigt. Immerhin gibt es jetzt eine Reihe maßgeblicher Bundespolitiker mit jahrzehntelanger DDR-Vergangenheit, so Innenminister de Maizière, Bundeskanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck.