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Eigene Würde macht christliches Menschenbild aus – Prälat Hans-Dieter Wille über Wertebewusstsein und Gewissensverantwortung

2014-03-10_10akl

Prälat i.R. Hans-Dieter Wille (Foto: Rolf Gebhardt)

Im christlichen Abendland, dem wir uns zugehörig fühlen, gibt es prägnante Vorstellungen von christlichen Werten, die das christliche Menschenbild ausmachen. Zur Debatte darüber referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus wieder einmal der ehemalige Heilbronner Prälat Hans-Dieter Wille (Tübingen), der kurzfristig für den erkrankten Prälat i.R. Paul Dietrich (Weilheim/Teck), sein Vorgänger, eingesprungen war.

Den Einstieg lieferte Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München, gegen den just an diesem Tag der spektakuläre Prozess wegen Steuerhinterziehung angelaufen ist. Ging der Anklagesatz noch von 3,5 Millionen € hinterzogenen Steuern aus, gestand der 62jährige ein, 18,5 Millionen € dem Fiskus entzogen zu haben (und am zweiten Prozesstag ging die Steuerfahndung von mindestens 27,2 Millionen € aus). Da stellte sich für Wille die Frage: „Nehmen Menschen in leitender Stellung für sich eine andere Moral in Anspruch?“ Er verwies dabei auch auf den 30 Jahre langen Steuerbetrug der Feminismus-Ikone Alice Schwarzer oder auf die massive Bestechungsaffäre im Siemens-Konzern. In unserer Wertevorstellung wie auch vor dem Gesetz sei  Steuerbetrug ebenso wie auch Korruption nun mal kein Kavaliersdelikt, sondern ethisches Fehlverhalten und strafbar. Doch von den „Steuersündern“ sei so gut wie nie ein grundehrliches Schuldbekenntnis zu hören, dass jemand selbstkritisch zu seiner Schuld steht. Das zeige sich auch bei der „Vorteilsnahme“ von Beamten und Politikern wie in Dopingvergehen von Spitzensportlern. „Da fehlt Einsicht, Reue und Anstand.“

Aber auch wenn „Kapitalverbrechen“ in Vorstandsetagen an den Tag kämen, dürfe in der Bevölkerung nicht der Eindruck entstehen, wer ehrlich ist, ist der Dumme. Ein solch fragwürdiger  Kulturwandel in der Wertedebatte werde zunehmend wettgemacht durch die sich verbreiternde Einsicht, dass sich Ehrlichkeit und Wertebewusstsein auch in der Wirtschaft, im unternehmerischen Handeln, letztlich lohnt, wenn das Unternehmen gutes Renommee hat – in der gesellschaftlichen Wertschätzung, bei den Kunden und insbesondere auch bei den Mitarbeitern, die sich  mit ihrem Betrieb und ihrer Arbeit identifizieren können. „Führen mit Werten gewinnt Kontur“, meinte der Alt-Prälat und hob hervor, dass zunehmend mehr Top-Manager sich einem Verhaltens- und Ehrenkodex verpflichten, auch wenn sie unter dem Druck der Leistungsverantwortung stehen.

Wille stellte die Frage in den Raum: „Inwieweit ist der ‚Wert‘ einer Person abhängig von seinen Leistungen oder Fehlleistungen?“ Und er schob auch gleich seine Antwort nach: Der Mensch gehe darin nicht auf, weil seine Person unantastbar sei, er jenseits aller Bewertungen eine Würde und einen Auftrag habe. Schließlich sei auch in unserem Grundgesetz als Kernsatz der Schutz der Menschenwürde verankert: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen . . .“

Andererseits: „Dem Menschen wird zugemutet, sein Tun zu verantworten und zu seiner Schuld zu stehen“, so Wille. Den eigenen Wert bewerte der Mensch oft darin, was er wert sei im Ansehen bei  Dritten, wie er von Mitmenschen wertgeschätzt werde. Allzu gerne orientiere man sich an denjenigen, die das Sagen haben. Dies sei nicht immer glücklich – siehe prominente Steuersünder. Auch warnte Wille vor Neid und Missgunst, denn der Mensch sei nicht „geldwert“ ausgerichtet, sondern habe seinen eigenen – personalen – Wert., eine ihm von Gott zugesprochene Würde – ein Beitrag zur Humanisierung der Menschheit. Deswegen müsse der Mensch auch nicht unter der Last von Schuld und Versagen zerbrechen. Die Bibel sei voll von Geschichten, dass Gott gefallene Menschen nicht fallen lasse. Auch wenn Lebensformen zerbröseln, brauche man nicht zu verzweifeln, denn man sei nicht allein nur auf sich gestellt. Da sei das Gebet die Therapie schlechthin, man können mit Gott alles bereden, „denn Gott hört sich alles an.“

Alt-Prälat Wille machte deutlich, dass es gelte, auch in einem Wertekonflikt gewissenhaft und vernünftig zu handeln. Christentum sei schließlich auch eine Gewissensreligion, die vom Menschen verlange, im Tun und Handeln sein Gewissen mitsprechen zu lassen. Gewissen ergebe sich nicht von selbst, sondern entwickele sich an Erfahrungen und Werten, maßgeblich mit gebildet durch christliche Erziehung und Lehre.Im vom Gewissen getragenen Verantwortungsgefühl könne die Freiheit eines Christenmenschen auch darin bestehen, herausgefordert zu sein zur Zivilcourage.

„Ehrfurcht vor dem Leben“ gilt allumfassend – Pfarrer Häusinger über die Ethik des Kulturphilosophen Albert Schweitzer

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Pfarrer Steven Häusinger beim Vortrag im Hans-Rießer-Haus (Foto: Rolf Gebhardt)

Albert Schweitzer ist eine weltbekannte honorige Persönlichkeit. Allzu leicht aber wird er als der gütige nette Urwalddoktor angetan. Steven Häusinger, ehemals Leiter der Evangelischen Tagungsstätte Löwenstein und jetzt Pfarrer der Heilbronner Wartberg-Kirchengemeinde, die kurz vor der Fusion mit der Nikolai-Gemeinde seht, vermittelte den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus einen neuen Zugang zum Lebenswerk Albert Schweitzers und verdeutlichte insbesondere seine Philosophie, die in der Ethik von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ gipfelt.

Albert Schweitzer wurde am 14. Januar in Kaysersberg im Oberelsass geboren. Er studierte Theologie, promoviere und habilitiere sich an der theologischen Fakultät der Uni Straßburg. Gleichzeitig tat er sich als Organist und Bach-Interpret hervor. Sein bis dato glückliches und erfolgreiches Leben weckte in ihm den Wunsch, davon anderen weniger Glücklichen etwas abgeben zu können. Als Missionar war er aufgrund seiner Schriften (u.a. “Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“) nach herkömmlicher Missionsansicht nicht fromm genug, und so entschloss er sich zum Medizinstudium, um als Arzt in Afrika Hilfe leisten zu können, wie Häusinger erläuterte.

1913 reiste Albert Schweitzer mit seiner Frau Helen Breßlau, die sich bereits Meriten in der Sozialpolitik erworben hatte, nach Französisch Äquatorialafrika (heute Gabun) und begründete in Lambarene eine Krankenstation. Aus diesem Anlass, dem 100jährigen Bestehen von Lambarene, ist Albert Schweitzer in diesem Jahr wiederholt gedacht worden, und dafür erhielt er ja auch den Friedensnobelpreis 1952, den er vor 60 Jahren in Empfang nahm.

Angesichts des Kriegsbeginns, den er als Niedergang der Kulturen empfand, kam Albert Schweitzer 1914 auf einer Flussfahrt auf dem Ogowe in dieser tropischen Natur das Bewusstsein der „Ehrfurcht vor dem Leben“, was zum Ausdruck für seine Kulturphilosophie wurde. Pfarrer Häusinger verstand es, diese nicht ganz unkomplizierte Ethik Schweitzers den „Jungen Senioren“ theoretisch und an Hand von praktischen Umsetzungen und Lebensweisheiten anschaulich nahezubringen.

Quintessenz dieser Ethik ist für Häusinger jenes „Wort an die Menschheit“, das Albert Schweitzer als 90jähriger 1965 wenige Monate vor seinem Tod auf Tonband verkündet  hat und das schriftlich um die Welt ging. Darin heißt es eingangs. „Ich rufe die Menschheit auf zur Ehrfurcht vor dem Leben. Diese Ethik macht keinen Unterschied zwischen wertvollerem und weniger wertvollem, höherem und niederem Leben.“ In dem Aufruf wird auch „Leben erhalten und fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen“ als „das absolute und denknotwendige Grundprinzip des Sittlichen“ hervorgehoben.

„Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will.“.Dieser Satz macht laut Häusinger das Kernstück von Schweitzers Philosophie aus. Es sei dies als Ermutigung für Menschen jedweder Kultur und Religiosität zu verstehen, sich seiner selbst und seines Gewissens gewiss zu sein und gleichzeitig jwahrzunehmen, dass sich Menschen beim Nachdenken über sich selbst und ihre Grenzen wechselseitig als Geschwister sehen, die über sich selbst und ihre Grenzen nachdenken. Es gehe darum, in der Erkenntnis der Ehrfurcht vor dem Leben zur Erkenntnis des Miterlebens und Mitleidens zu gelangen. Schweitzers Ehrfurcht erstreckt sich auch auf die kleinsten tierischen  Lebewesen. Da die Kreatur wahllos dem Menschen ausgeliefert sei, bedürften Tiere der Schonung. Jedes notwendige Töten sei Grund zu Trauer und Schuld, weshalb Schweitzer auch in seinen  letzten Jahren Vegetarier wurde, wenngleich kein missionarischer oder militanter.

Albert Schweitzer wird immer wieder als einer der größten spirituellen Persönlichkeiten unserer Zeit gewürdigt. Eine diesjährige Allensbach-Umfrage sieht ihn an fünfter Stelle der wichtigsten Vorbilder, wenngleich Alberst Schweitzer sich immer dagegen verwahrte, als Vorbild zu gelten. Nichtsdestoweniger war er in den 50er und 60er Jahren eine anerkannte moralische Instanz.

Aufgrund seiner welt- und lebensbejahenden Ethik, die darauf zielte, dass man sich stets der Folgen seines Tuns bewusst sein sollte, positionierte er sich schließlich auch politisch. Gedrängt von Albert Einstein und Otto Hahn engagierte er sich mit seiner Autorität gegen  „das unsinnige Wettrüsten in Atomwaffen“ und gegen Krieg, „weil er uns der Unmenschlichkeit schuldig werden lässt.“