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Vorstellung von Familie ist dem Wandel unterworfen – Dekan Friedrich nahm Stellung zur umstrittenen EKD-Orientierungshilfe

Veranstaltung am 13. Januar 2014

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Dekan Otto Friedrich (Foto: Rolf Gebhardt)

Das Familienbild heute aus evangelischer Sicht zu definieren kann eine kontroverse Angelegenheit sein. Dessen war sich der Heilbronner Dekan Otto Friedrich bewusst bei seinem entsprechenden Referat bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus zum Einstieg ins neue Jahr. Da gibt es ja eine 2013 erschienene Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, die sich mit dem Familienleben heute und im Wandel der Zeiten befasst. Dann aktuell das Coming-out des früheren Nationalspielers Thomas Hitzelsberger, der mit seinem Bekenntnis zur Homosexualität – als erster  Profi-Fußballer – so ein riesiges Medienecho ausgelöst hat. Und schließlich Online-Petitionen gegen für 2015 vorgesehene Bildungspläne des Landes, in denen auch die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ Eingang finden soll.

Die traditionelle Vorstellung von Familie ist die (heterosexuelle) Ehe von Mann und Frau mit eigenen Kindern. Die Grundlegende Bedeutung einer solchen Ehe als gesellschaftliche Institution sehen kirchliche Kritiker in der EKD-Schrift nicht gebührend gewürdigt. Dekan Friedrich hat durchaus Verständnis für diese Position, ist aber auch der Ansicht, dass die EKD selbstverständlich keine Abwertung der Ehe oder gar Abkehr anstrebt. Vielmehr befasse sich dieser 162seitige Text auch mit der gesellschaftlichen Realität, dass vermehrt andere Lebensformen entstehen. Auch die Kirche komme nicht umhin, sich damit auseinanderzusetzen, und zwar unter dem Aspekt, wie der Titel der EKD-Orientierungshilfe lautet: „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken.“ So könnten auch neben Patchwork-Familien auch eingetragene gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften, auch mit (adoptierten) Kindern wohl als Familie gelten, wenn sie sich der Dauer, Zuneigung, Verlässlichkeit, Fürsorge, Geborgenheit und des Vertrauens verpflichtet sehen. Auch die große Zahl von Menschen, deren Ehe gescheitert ist, sowie von Alleinerziehenden dürfe kirchlicherseits nicht abgewertet werden.

Wie Friedrich darlegte, beruht die Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen in der Ehe als göttliche Stiftung auf der Schöpfungsgeschichte. Man müsse aber auch sehen, dass das biblische Zeugnis aus der antiken Welt stammt, die tiefgreifend von männlichem Patriarchat geprägt war. Bis ins 18./19. Jahrhundert und heute noch zum Teil in anarchischen Kulturen, seien Ehen von den Eltern angebahnt worden,meist aus der gleichen sozialen Schicht, mitunter gar im Umfeld der Verwandtschaft. Da war es allgemeine Pflicht zu heiraten, wobei die Frau als Arbeitskraft galt und eingekauft werden musste.“ Liebesheiraten“ wurden erst im späteren Bürgertum zur Regel.

Auch mit dem christlichen Bezug der Ehe ist es laut Friedrich ja keineswegs eindeutig. Zwar sprach sich Jesus für den Ewigkeitsgehalt der Ehe aus und gegen Scheidung, aber er selbst war – wie  Paulus – nicht verheiratet, ja er forderte – wie die Evangelien berichten – seine Jünger auf, ihre Familien zu verlassen, um ihm nachzufolgen: „Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mein Bruder. –Also eine geistige,s tatt verwandtschaftliche Bindung. Die Hochschätzung der zölibatären Lebensweise wurde erst von Martin Luther durchbrochen, dessen Ehe- und Familienleben prägend für seien Zeit wurde.

Die Vorstellung von Ehe und Familie ist historischen Wandel unterworfen und entwickelt  sich ständig weiter, meinte der Dekan. Ungeachtet der Herausbildung neuer Familien- und Lebensformen, die auch zunehmend rechtliche und soziale Akzeptanz erlangen, sei die „normale“ Ehe immer noch ein hohes Ziel jungern Menschen. Das zeige nicht zuletzt das große Interesse an Hochzeitsmessen und die vielfach zum „spektakulären Event“ stilisierten Hochzeiten. Auch wenn die Ehe im Protestantismus keine sakramentale Überhöhung erfahre, so gelte das Eheversprechen, in guten und schlechten Tagen zusammenzuhalten, allerdings mit dem Zusatz „Ja, so mir Gott helfe“. An den Idealtypus Ehe würden also immer noch hohe Erwartungen geknüpft,  mündeten Enttäuschungen heute allzu leiht in Trennungen und Scheidungen – vielfach zu Lasten  der Kinder.

Jedenfalls: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Dieses Bibel-Zitat gilt, so Dekan Friedrich, auch und nicht zuletzt im Alter mit der erhöhten Zahl von Alleinstehenden. Dies sei eine Herausforderung für die Bildung von neuen Wohn- und davon abgeleitet auch Lebensformen.