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Hedwig Heuss war jahrelang die First Lady – Annette Geisler vom Stadtarchiv würdigte unbekanntere Heilbronnerinnen

Veranstaltung vom 8. April 2013

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Annette Geisler, Stadtarchiv Heilbronn (Foto: Rolf Gebhardt)

Heilbronner Frauen? Da fällt einem auf Anhieb fast automatisch das „Käthchen von Heilbronn“ ein. Doch diese Kleist-Figur hat ja eigentlich nichts mit Heilbronn zu tun. Dabei gab es in der jüngeren Geschichte Heilbronns genügend Heilbronnerinnen mit interessanten Lebensschicksalen, die – auch wenn sie weithin nicht so bekannt (geworden) sind – es verdient haben, öffentlich bekannt(er) gemacht zu werden. Annette Geisler, Bibliothekarin beim Stadtarchiv Heilbronn, befasst sich seit längerem mit der Erforschung Heilbronner Frauenbilder und präsentierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Reißer-Haus einen bunten Strauß Heilbronner Frauenpersönlichkeiten.

Annette Geisler begann mit einer Frau Heuss. Aber sie meinte nicht jene Elly Heuss-Knapp, die 44 Jahre lange die Ehefrau des Journalisten, Politikers und ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss war und die auch einem Heilbronner Gymnasium ihren Namen gegeben hat. Es geht um Hedwig Heuss, die Frau des älteren Bruders von Theodor Heuss, Ludwig Heuss (1881-1932): Dieser hat die 1883 in Reutlingen geborene Hedwig 1908 geheiratet. Er selbst war Stadtarzt und Schularzt in Heilbronn, wo auch Hedwig Heuss die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte. In ihrem Haushalt hat sich auch Theodors Heuss`einziger Sohn, Ernst Ludwig (1910-1967), oft aufgehalten; Hedwig hatte auch einen Sohn: Conrad Heuss (1914-45). Als Arzt-Gattin war die gelernte Krankenschwester Hedwig stark sozialfürsorgerlich engagiert. So stellte sie den Heilbronner Frauenverein auf die Beine, der sich dafür einsetzte, dass Heilbronner Müttern ausreichend spendenfinanzierte Milch in sterilisierte Form zur Verfügung gestellt wurde. Denn die damals hohe Kindersterblichkeit – 38 Prozent in Böckingen – wurde vielfach auf verdorbene Milch zurück geführt. Sie setzte sich auch mit ein für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für minderbemittelte Frauen; so wurden im I. Weltkrieg Uniformmäntel zum Ausbessern nach Heilbronn gebracht

Interessant: Hedwig war länger „First Lady“ als Elly, denn nach deren Tod am 19. Juli 1952 nahm Theodor Heuss seine Schwägerin als offizielle Begleitung in seiner Amtszeit (1949-1959) mit aufs diplomatische Parkett, wo die „lebenskluge uneitle“ Frau auch mit der Königin von England und dem Kaiser von Äthiopien zusammen kam. Und sie übernahm auch ganz selbstverständlich den Vorsitz im von Elly 1950 gegründeten und geleiteten Muttergenesungswerk.

Theodor Heuss, war der erste, der nach dem Krieg die Ehrenbürgerschaft der Stadt Heilbonn bekam, übrigens zeitgleich mit dem ersten Innenminister des Landes, Fritz Ulrich (1888-1969). Ulrichs Frau Berta stammte auch aus Reutlingen (1890 geboren), war dort Direktrice. Auch sie stand ihrem Mann stets couragiert zur Seite, insbesondere während seiner von den Nazis erzwungenen Zeit als „tausendjähriger Wengerter“, so mit einem Nähbedarfsgeschäft. Wie Geisler erkundete, veröffentlichte Berta Ulrich bereits 1939 eine regelrecht revolutionäre Schrift, „Der menschliche Weg“, in der sie postulierte, dass Kinder Aufziehen eine gesellschaftliche Aufgabe sei und man die Menschen ab 55 Jahre von Erwerbsarbeit freistellen sollte, damit sie ihre Talente anderweitig einbringen könnten.

Dann Wilhelmine Mayer, Tochter des Stadtschultheißen, seit 1842 die Frau des berühmten Heilbronner Arztes Dr. Robert Mayer (1814-1878), dem Entdecker physikalischer Grundgesetze. Laut Geisler war die Arztfrau, die sieben Kinder das Leben schenkte, ihrem Mann in allen Stürmen des Lebens eine getreue Stütze, insbesondere seitdem er (ab 1850) immer wieder von Depressionsanfällen heimgesucht wurde.

Schließlich Victoria Wolff (1903-1992), wohlsituierte Tochter des Lederwarenfabikanten Victor und Cousine von Albert Einstein. Sie war erst mit dem Heilbronner Textilfabrikanten Dr. Alfred Max Wolf verheiratet, im Exil in den USA mit Dr. Erich Wolff. Als Drehbuchautorin und Schriftstellerin kam sie in Kalifornien zu großem Ansehen, besuchte nach 1949 auch immer wieder Heilbronn.

Die erste junge Frau, die in Heilbronn Abitur machte, war laut Geisler die 1886 geborene Lina Marquardt, deren Eltern durchsetzten, dass Lina 1907 „unspektakulär“ am Karlsgymnasium Abitur machen konnte; sie wurde später Medizinerin und Bildungspropagandistin.

Annette Geisler hat noch zahlreiche weitere Heilbronnerinnen würdigen können.