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Gelassenheit ist Frucht einer inneren Ausrichtung – Der neue Heilbronner Prälat Harald Stumpf über gute und schlechte Zeiten

Veranstaltung vom 7. Januar 2013

Der Heilbronner Prälat Harald Stumpf bei seinem Vortrag vor den „Jungen Senioren“ (Foto: Rolf Gebhardt)

„Gelassenheit ist eine Kunst, in der gegenwärtigen Situation schon den Abstand zu gewinnen, den sonst erst die Zeit schafft.“ Mit dieser Feststellung konfrontierte der Heilbonner Prälat Harald Stumpf die „Jungen Senioren“ im Hans Rießer- Haus. Und er ging witzig (u.a. mit An- und Einspielung der alten „HB-Männchen“-Werbung) wie wegweisend auch darauf ein, wie das ist und sein kann, „wenn wieder etwas dazwischen kommt . . .“

Es ist guter Brauch der „Jungen Senioren“, in das Veranstaltungsprogramm zu Beginn des neuen Kalenderjahres mit einem Referat des Heilbronner Prälaten einzusteigen. Diesmal bot sich gleichzeitig die Gelegenheit, den neuen Prälaten kennen zu lernen. Harald Stumpf wählte als Thema: „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“, in Anspielung an „GZ-SZ“, die seit 1992 bei RTL laufende erste und erfolgreichste tägliche TV-Serie. Doch er versah das Thema mit dem Zusatz „Wege zur Gelassenheit“ – aus existenzieller Betroffenheit: Unmittelbar nach Berufung zum Prälat wurde er von einer durch Herpesvirus ausgelösten Gehirnentzündung heimgesucht, „Gott sei Dank“ hat er diese lebensbedrohliche Krankheit überwunden.

Harald Stumpf wurde 1958 in Meckenbeuren (Bodensee) in einer kinderreichen Flüchtlingsfamilie geboren, begeisterte sich in der Jugendarbeit für das Theologiestudium, das er – nach Auslandssemester in Vancouver – in Tübingen abschloss. Er war elf Jahre Gemeindepfarrer in Gingen an der Filz, dann persönlicher Referent von Bischof Gerhard Maier, Leiter des Bischofsbüros, und zuletzt Dekan in Freudenstadt. Stumpf, seit 28 Jahren verheiratet, vier Kinder („schon aus dem Haus“), in Heilbronn nun mit einem Pflegekind und einem Hund, ist einer der vier „Regionalbischöfe“ der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Zur Heilbronner Prälatur, größer als einige Landeskirchen, gehören 15 Dekanate (Kirchenbezirke) mit 450 Pfarrerinnen und Pfarrern. In dem „Sprengel“, der von Maulbronn über Schorndorf bis nach Schrozberg reicht, wohnen 680 000 evangelische Christen. Stumpf: “Ich bin in der Basis verwurzelt, und verstehe mein Amtsverständnis primär in der persönlichen Begegnung und im Dialog.“

Nun: Gelassen ist laut Wörterbuch, „wer einen ruhigen und ausgeglichenen Gemütszustand hat.“ Doch was ist, so fragte Stumpf, wenn einer impulsiv ist, ständig unter Strom steht? Für Stumpf ist Gelassenheit weniger ein Gemütszustand, als vielmehr „die Frucht einer inneren Ausrichtung.“ Und „die hat mit Gott zu tun,“ gerade dann, wenn so vieles ins Rutschen gekommen ist und man in der gefährlichen Situation etwas sichern will, aber doch loslassen sollte: „Das Leben ist anscheinend eine einzige Bemühung, etwas loszulassen und gleichzeitig, etwas nicht zu verlieren.“ Vieles ist möglich, viele Fähigkeiten und Begabungen sind uns gegeben. Und doch müsse man sich bewusst sein, dass nicht alles in der eigenen Macht liegt, nicht alles machbar sei. Deshalb gehöre dazu auch das Vertrauen, dass es nach einem Scheitern einen Neuanfang gibt.

Da könne es hilfreich sein, sich den guten Händen Gottes zu überlassen. Gerade im Alter sollte man seine eigene begrenzte Lebenskraft anerkennen und sich darauf einlassen, auch Schwächen akzeptieren. In Krankheit und spätestens in Todesnähe werte man naturgemäß die Dinge und Prioritäten anders. Bei aller Streben nach Sicherheit, Gemeinschaft und Geborgenheit müsse man im Sterbe erkennen, dass man allein ist – allein mit Gott. Doch, so zitierte Stumpf:“ Wer im Letzten geborgen ist, der kann im Vorletzten gelassen sei.“

Gelassenheit kommt nicht von selbst, betonte Stumpf: „Gelassenheit braucht Übung und Zeit und gute Gewohnheiten“, so Zeiten der Stille und Besinnung. Und Stumpf ergänzte: „Wer gehen lassen kann, macht sich auf den Weg zur Gelassenheit, ist zufrieden.“ Da passt das Gebetsanliegen: „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Nur wer sich selbst annehmen kann, kann auch loslassen, meinte Stumpf: „Man muss lernen, etwas zuzulassen und etwas loszulassen, mit dem Ziel sich überlassen zu können.“ Und Lebensweisheiten zu beherzigen, wie: „Es geht auch anders und es geht auch ohne!“ Gemäß der Jahreslosung 2013: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“