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Die anfängliche Kriegsbegeisterung verebbte rasch – Der Historiker Bernhard Müller über Heimatfront-Verhältnisse im I. Weltkrieg

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StD i.R. Bernhard Müller (Foto: Rolf gebhardt)

In der Erinnerungskultur an den Beginn des I. Weltkriegs vor 100 Jahren sollte man nicht nur an das Geschehen an den Kriegsfronten denken, sondern auch die Verhältnisse an der „Heimatfront“ im Blick haben. Über die Lebensumstände der Zivilbevölkerung und die Kriegswirtschaft in Deutschland informierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus StD.i.R. Bernhard Müller, der als Historiker und Heimatforscher auch lokale Archivquellen erschloss.

Die „Urkatastrophe des 19. Jahrhunderts“, als die der Ausbruch des I. Weltkriegs heute beurteilt wird, hatte nun einmal seinen Urgrund darin, dass Deutschland zu einer Großmacht aufgestiegen war und sich von hochgerüsteten Feinden umzingelt sah. Wie Müller in Erinnerung rief, lag der Kriegserklärung vom 1. August 1914 an Russland der Plan des Generalstabschefs Schlieffen zugrunde. In einem Blitzkrieg erst Frankreich niedergerungen und dann die freigewordenen Truppen an der Ostfront eingesetzt werden. Doch wie bekannt kam nach den Durchmarsch der deutschen Truppen durch Belgien, was die Engländer auf den Plan rief, der Vorstoß nach Frankreich alsbald an der Marne zum Stehen, was zu dem jahrelangen verheerenden Stellungskrieg führte, während Russland deutlich schneller als erwartet mobil machte und Ostpreußen überrannte, ehe dem deutsche Heer unter dem neuen Befehlshaber Hindenburg eine erfolgreiche Abwehr gelang.

Nachdem also der aus einer überholten Gedankenwelt stammende Schlieffenplan bereits in den ersten Kriegswochen gescheitert war, stand Deutschland praktisch ziemlich verloren da, denn „niemand war auf einen großen Krieg vorbereitet“, so Müller. Waren anfangs der deutschen Mobilmachung Massen von Kriegsfreiwilligen an die Front gezogen, zum Teil direkt von der Schulbank, so änderte sich das schnell, als bald zigtausend Tode gemeldet und auch die drei Lazarette in Heilbronn mit Verwundeten belegt wurden.

Laut Müller haben Historiker längst die Kriegsbegeisterung der Volksmassen im Herbst 1914 widerlegt. Die übermächtige Propaganda mit Sinngebungs- und Durchhalteparolen diente zunehmend zur Stabilisierung der bröckelnden inneren Front. Auch die Heilbronner Neckarzeitung unter ihrem Chefredakteur Theodor Heuss, nach 1945 der erste Bundespräsident, machte mit, und auch die Heilbronner Pfarrer machten sich in Predigten stark für den vaterländischen Verteidigungskrieg, wie Müller aus Archivarbeiten ermittelte. So wurden noch beträchtliche Sammelaktionen und freiwillige Hilfsdienste organisiert, auch in Heilbronn. Zu den „beliebtesten Liebesgaben“ für die Frontsoldaten gehörten Extra-Packungen der Firma Knorr.

Doch die Versorgung der 13 Millionen Kriegsteilnehmer strapazierte die deutsche Wirtschaft und ging zu Lasten der Zivilbevölkerung. Durch die Seeblockade infolge des britischen Handelsverbots war Deutschland ausgeschlossen von Importen, die ein Drittel der Lebensmittelversorgung ausmachten und auch wichtige Rohstoffe umfassten. Die Preise stiegen rasant. Rationierung und Zwangsbewirtschaftung waren an der Tagesordnung. Zunehmend machte sich Not und Elend breit. Öffentliche Kriegs- und Volksküchen wurden eingerichtet, es gab Notkochbücher. Es kam zu „Hungerkrawallen“; über 700 000 starben an Unterernährung.

Mit dem immer mehr zur Materialschlacht ausartenden Krieg musste die Wirtschaft verstärkt auf Kriegsproduktion ausgerichtet werden. Die Kriegsfinanzierung erfolgte im wesentlichen durch die die zum Teil zwangsweise Zeichnung von Anleihen. Um dem Rohstoffmangel zu begegnen, wurde eine Abgabepflicht für Haushaltsgegenstände mit kriegswichtigen Materialien eingeführt. Das Haber-Bosch-Verfahren ermöglichte die Produktion von chemischen Ersatzstoffen. Der Industrielle und Intellektuelle Walter Rathenau, Sohn des AEG-Gründers, unterstützte den ratlosen Erich von Falkenhayn schon 1914 durch die Einführung einer Kriegsrohstoffabteilung, aus der Dutzende von kriegswichtigen Betrieben entstanden bzw. gelenkt wurden, die stattliche Kriegsprofite erzielten.

Bernhard Müllers Fazit: „Der erste Weltkrieg ist mehr als Ypern und Verdun; er war auch Schrittmacher für eine Art Sozialstaat und Wegbereiter einer Staats- und Gemeinwirtschaft.“ Auch wenn sich im Laufe des Krieges zunehmend Kriegsgegner und Friedenswillige zu Wort meldeten, könne keineswegs der späteren Dolchstoßlegende Glauben geschenkt werden, dass die Heimatfront  mit demokratischen Bestrebungen verantwortlich sei für die Weltkriegs-Niederlage Deutschlands.