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Glauben ist (mehr als) ein göttliches Geschenk – Pfarrer Fischer-Braun zeigt sich davon angetan, Verschiedenartigkeit zu feiern

Veranstaltung vom 18. November 2013

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Pfarrer Albrecht Fischer-Braun (Foto: Rolf Gebhardt)

Unsere ältere Generation ist fast durchweg im christlichen Glauben aufgewachsen und weiß um die Bedeutung der christlichen Überlieferung für unsere Wertvorstellungen. Doch mit zunehmendem Alter nehmen auch Zweifel und Hinterfragen zu. Da erschien es hilfreich, dass die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer -Haus mit Pfarrer Albrecht Fischer Braun, Theologischer Leiter der Evangelischen Tagungsstätte Löwenstein, einen Referenten gewinnen konnten, der Auskunft darüber zu geben bereit war, „wie und was können wir glauben“.

Glauben bedeutet, etwas für wahr halten, im speziellen Sinne, christlichen Überzeugungen und Lehrsätzen zu vertrauen, so Fischer-Braun. Seit der Reformation verstehe man nach der Lehre Martin Luthers Glauben als etwas, was einem göttlich geschenkt wird, das man sich ebenso wenig wie Gottes Gnade, durch die der Mensch gerechtfertigt sei, erarbeiten könne. So unterscheide Luther zwischen freiem und unfreiem Willen. Wir Christenmenschen seien gewissermaßen ein Reittier, dessen Richtung von dem gelenkt werde, der es reitet, Gott bzw. Christus oder der Satan. Nur beschränkt seien uns Entscheidungen möglich, am ehesten im Hören auf Gottes Wort, wie in der Bibel bezeugt. Erstmals sei im Alten Testament von Glauben die Rede bei Abraham, der der Verheißung Gottes geglaubt habe, so viel Nachkommen zu bekommen wie Sterne am Himmel.

Im Gefolge der Religionskriege kam es dazu, dass derjenige Potentat, der die Macht hatte, über den Glauben seiner Untertanen entschied, und Andersgläubigen, die sich  dem politischen Willen nicht beugen mochten, nur Auswanderung blieb. Solcher Glaubenszwang habe die Rationalität befördert und schließlich das Prinzip der dogmatischen Rechthaberei überwunden. Es sei begrüßenswert, dass auch in der Württembergischen Landeskirche ein Perspektivwechsel stattgefunden habe und etwa die Konfirmanden nicht mehr mit auswendig gelernten Antworten auf Lehrsätze konfrontiert, sondern zu einschlägigen Antworten angeleitet würden, die ihrem Lebensumfeld entsprechen.

Auf die Frage, „wes Glauben bist du“ habe, so Fischer-Braun, der Reformator Johannes Brenz die lapidare Antwort parat gehabt. „Ich bin Christ!“ Man müsse nicht wissen , um zu glauben. Nun gebe es im Protestantismus kein verbindliches Lehramt, so dass renommierte Hochschulprofessoren derzeit mit Brüche aufwarten können unter Titeln wie „Bibelfälscher“ und „Gottesfälscher“. Andere Theologen machten sich stark für Glaubensreformen und erachteten den Glauben etwa an Jungfrauengeburt und Gottessohnschaft nicht als unerlässlich. So sei es heute theologischer Konsens, dass bei den Evangelien mythischen Komponenten größere Bedeutung zukomme als biografische Historizität. Auch wenn christlicher Glaube kritisches Denken nicht ausschließe, bleibe dessen hohe Anerkennung als Anstoß für unvergängliche Meisterwerke in Musik und Kunst.

Entscheidend für unser Glaubensleben sind nach Fischer-Brauns Ansicht die Gotteserfahrungen sowohl von überlieferten Glaubenszeugen wie von uns selbst, also spirituelle Erfahrungen. Die neurologische Gehirnforschung und Neuroplastizität liefere in diesem Sinne positive und negative Erkenntnisse. Nichtsdestoweniger bedürfe es im Leben neben den Gefühle auch verbindlicher Verhaltensregeln aufgrund religiöser und kirchlicher Orientierung.

Fischer-Braun ging auf die Milieustudien des Markt- und Sozialforschungsinstituts Sinus ein, die zehn Milieus – mit fließenden Grenzen – festmacht, in denen alle die Kirche Mitglieder hat, aber dennoch mit ihren Angeboten nur wenige Milieus erreicht. Er sprach von dem prämodernen Kirchenmilieu, in dem man sich die Zustimmung im Glauben aneignen, und von dem insbesondere  Evangelikale geprägt seien. Im modernen Milieu herrschten unterschiedliche und abweichende  Glaubensausrichtungen vor, die ihre religiöse Fundierung an der Lebenswirklichkeit orientierten. Die Menschen des postmodernen Milieus seien bemüht, (im Sinne von Schleiermacher) biblische Texte und Dogmen wie auch Lebensäußerungen durch Infragestellungen zu verstehen.

Für Fischer Braun bleibt der Glaube an Gott als Quelle und Ziel des Lebens größer als alle Offenbarungen. Auf dieser Glaubensgrundlage gelte es, die große Unterschiedlichkeit zwischen den Gläubigen, Konfessionen und Religionen anzuerkennen, mit der Coventry-Nagelkreuzbewegung „Verschiedenartigkeit zu feiern“,  und bereit zu sein,“ alles zu prüfen und das beste zu behalten“.