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Die Türkei könnte Europa zum Vorteil gereichen – Hofmann referierte über die kontroverse Frage eines EU-Beitritts der Türkei

Veranstaltung vom 4. März 2013

Foto: Rolf Gebhardt

Foto: Rolf Gebhardt

Gehört die Türkei zu Europa? Über diese konfliktbeladene Frage referierte der Orientalist Matthias Hofmann bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus. Wie erwartet, ein zwar aus dem Besucherkreis gewünschtes aber gleichwohl brisantes Thema, das stark durch Emotionen belastet ist, aber auch „Kontroversen im Einigungsprozess“ – so der Untertitel – zur Sprache bringt.

Nahezu drei Millionen Menschen türkischer Abstammung leben in Deutschland, und fast alle sind Muslime. Es ist gerade die tatsächliche und latente Präsenz des Islam, der allzu leicht in den Verdacht des Islamismus gerät („Islamphobie“) , der in der Bevölkerung die Abneigung gegen einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Gemeinschaft weckt. Dabei ist die Türkische Republik, die die mit ihrer Gründung im Jahre 1923 durch Mustafa Kemal mit dem Ehrennamen „Atatürk“ („Vater der Türken“) in einer Kulturrevolution den Osmanismus ablöste und sich westlichen Prinzipien zuwandte, nicht nur eine parlamentarische Mehrparteien-Demokratie, sondern auch dezidiert ein säkularer Staat, betonte Matthias Hofmann. „So wie Deutschland“, denn die Trennung von Staat und Religion gehört zum konstitutiven Grundbestand europäischer Überzeugungen. Bei allen Vorbehalten gegen die religiöse Verschiedenheit: Dass der Islam nicht zum christlich geprägten Europa passe, könnte kein Argument gegen den Türkei-Beitritt sein, zumal Europa neben jüdischen, christlichen und humanistischen auch durchaus islamische Wurzeln hat.

Hofmann merkte an, dass es im säkularen Deutschland ganz selbstverständlich eine Reihe christlicher Feiertage und staatlicher Kirchensteuereinzug gibt. Andererseits gibt es in der Türkei auch ein dem Amt des Ministerpräsidenten angegliedertes Präsidium für religiöse Angelegenheiten, dem auch der in Deutschland tätige Moscheeverband DITIB angehört, also eine staatliche transnationale religiöse Organisation. Auch wenn der Laizismus (noch) zum Selbstverständnis des türkischen Staats gehört,  so wird dieser Bestandteil der Staatsideologie des Kemalismus in der aktuellen Regierungszeit von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) stärker islamisiert, und die Anerkennung nicht staatlich kontrollierter Religionen ist längst nicht ausreichend gegeben.

Dennoch: Die Türkei gehört zu Europa. Seit Jahrzehnten nimmt die türkische Nationalmannschaft an der europäischen Fußball-Europameisterschaft teil, und die Türkei gehört auch anderen europäischen Sportverbänden an. Schon 1959 bewarb sich die Türkei als assoziiertes Mitglied der EWG, aufgenommen im Assoziierungsabkommen 1963, erhielt Ende 1999 den Status eines EU-Beitragskandidaten und 2002 Reformpakete zur Erfüllung der Kriterien. Seit 2005 laufen offizielle Beitrittsverhandlungen. Gleichzeitig hat beiderseits der Glaube an eine EU-Mitgliedschaft der Türkei abgenommen. Das von Bundeskanzlerin Merkel favorisierte Konzept einer privilegierten Partnerschaft ist für die Türkei keine Alternative und wurde jüngst auch nicht mehr angesprochen.

Hofmann hob besonders hervor, das die Türkei, die ja auch der Nato und der OECD angehört,  in den letzten Jahrzehnten erheblich an wirtschaftlicher Stärke und politischem Einfluss in Nahost-Region gewonnen hat. Die Türkei ist mit ihren Pipeline-Systemen ein Korridor für den Zugang zu den energiereichen Kaukasus-Ländern. So gesehen könnte Europa von einem Türkei-Beiritt – gerade angesichts der zunehmenden Verschiebung der Gewichte – geostrategisch und sicherheitspolitisch enorm profitieren, und ein Türkei-Beiritt wäre eine Tür nach Zentralasien.

Die Türkei hat so ziemlich als einziges Land während der Bankenkrise Wirtschaftswachstum erreicht. Der transnationale Handel zwischen Deutschland und der Türkei beträgt 30 Milliarden Euro. Gegenseitige Investitionen nehmen zu. Jährlich reisen vier Millionen Deutsche in die Türkei, 150 000 überwintern dort und 50 000 sind dauerhaft in der Türkei lebende deutsche Residenten.

Natürlich bleiben neben religiösen vor allen kulturelle Unterschiede, die sich primär bei der anatolischen Landbevölkerung bemerkbar machen, kaum in den Wirtschaftszentren, gehört doch die zehn Millionen Einwohner zählenden Metropolregion Istanbul zu den fortschrittlichsten der Welt. Was gefühlsmäßig gegen den EU-Beitritt der Türkei spricht, ist, dass das Land mit demnächst 80 Millionen Einwohnern einen maßgeblichen politisch-parlamentarischen Einfluss in der EU hätte.

Glauben Christen und Muslime an den einen Gott?

Dekan i.R. Dieter Kunz stellte Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus (Veranstaltung vom 5. November 2012)

Dekan i.R. Dieter Kunz (Foto: Rolf Gebhardt)

Keine Religion kommt ohne Gott oder Götter – von denen es im Himmel der Antike nur so wimmelt – aus. Wie ist das nun in den monotheistischen Religionen? Ist der Gott, an den die Christen glauben, der gleiche, wie Allah, den die Muslime anbeten. Darüber sprach bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Dekan i.R. Dieter Kunz, der in Heilbronn noch gut bekannt ist als langjähriger geschäftsführender Pfarrer der Friedensgemeinde, dann 16 Jahre dem Kirchenbezirk Göppingen vorstand und jetzt im Ruhestand in Heilbronn-Böckingen lebt.

Als Theologe hat Dieter Kunz vielfältige Erfahrungen in der Begegnung mit dem Islam und mit Muslimen gemacht. Da erlebte er große Aufgeschlossenheit wie ängstliche Abkehr. Die Imame, die Vorbeter in den Moscheen, ewiesen sich jedoch nicht als geeignete Gesprächsparter in religiösen Fragen, die mit Muslimen sowieso schwer zu diskutieren sind. Doch ob wir wollen oder nicht, so Kunz, wir müssen uns mit der Religion unserer Nachbarn, den Muslimen, auseinandersetzen, auch wenn wir nicht einer Meinung sein können. Schließlich leben rund vier Millionen Muslime in Deutschland. Kunz plädierte daher für die Notwendigkeit des gesellschaftlichen Dialogs, beginnend im Kindergarten, wie für den interreligiösen Dialog, auch wenn sich da etliche Hindernisse in den Weg stellen. „Wir müssen mehr voneinander wissen und uns gegenseitig tolerieren,“ so Kunz. Judentum, Christentum und Islam sind Buchreligionen mit heiligen Büchern: Thora, Bibel, Koran.

Für Muslime ist der Koran das einzige Glaubenszeugnis und Mohammed ihr absoluter Prophet. Im Jahr 570 in Mekka geboren wurde der erfolgreiche Handelsmann bei seiner medititativen Gottsuche in der Wüste immer wieder göttlichen Offenbarungen durch den Erzengel Gabriel teilhaftig, die er zuerst im Familien- und Freundeskreis kundtat und später einer wachsenden Anhängerschaft. Nach seinem Tod wurden diese Offenbarungen als buchstäbliches Wort Gottes im Koran in 114 Abschnitten (Suren), eingeteilt nach ihren Längen (zwischen 268 und 6 Versen), in arabischer Sprache niedergeschrieben. Darin sind Überlieferungen und Traditionen eingeflossen und etliche Propheten, beginnend von Mose und Abraham bis zu Mohammed als letzten endgültigen Propheten. Jesus kommt im Koran drei Dutzend mal vor (fast ebenso oft Maria, meist mit ihrem Sohn Jesu), der zwar nach seinem vorausgesagten Tod von Gott in den Himmel aufgenommen wird, doch sein Kreuzestod und seine göttliche Erlösernatur wird im Islam geleugnet.

Im Christentum wie im Islam ist Gott bzw. Allah eine unendliche heilige Macht in personaler Gestalt, Weltenschöpfer und Richter am jüngsten Tag, für Muslime unverwechselbar einzigartig, während sie den Christen die Dreieinigkeit ankreiden. Wie Kunz darlegte, ist der Koran für den Muslim die offenbarte Rechtleitung, Leitfaden für alle Lebensbereiche, nach dem man sich zu orientieren und zu handeln hat. Allerdings gebe es im Koran widersprüchliche Anweisungen und grausame Sätze, die – herausgepickt – leicht zum Feindbild Islam beitrügen, im Zusammenhang mit fanatischen bärtigen Mullahs, gewalttätigen Terroristen und verschleierten Frauen. Auch wenn im Koran Allah primär als Erbarmer und Barmherziger dargestellt werde, lasse sich Intoleranz, Militanz und Rückständigkeit im Islam immer wieder ausmachen, jedoch zum Teil volkstümlichen Traditionen geschuldet. So wie die Bibel sei auch der Koran auslegbar und auslegungsbedürftig, so Kunz. Da stehe dem Islam noch eine schmerzhafte Phase der Aufklärung bevor, die ja auch für die Christenwelt – bis heute – nicht ohne Verwerfungen vonstatten gegangen sei.

Pfarrer Kunz rief dazu auf, im Selbstbewusstsein der eigenen Glaubensstärke die Frage nach Gott zu suchen und pries in diesem Sinne das Gleichnis der Ringparabel in dem Lessing-Drama Nathan der Weise: Ein Mann besitzt ein wertvolles Famlienstück, einen Ring, der die Eigenschaft hat, den Träger vor Gott und den Menschen angenehm zu machen, wenn der Besitzer ihn mit Zuversicht trägt. Der Vater hatte drei Söhne und mochte keinen bevorzugen. So ließ er von einem Schmuckkünstler exakte Ring-Duplikate herstellen und verehrte diese seinen Söhnen. Nach dem Tod des Vaters baten die Söhne einen Richter um Klärung, welcher Ring der echte ist. Der Richter  erinnerte die Söhne daran, dass der echte Ring den Träger bei allen Menschen beliebt mache. Sie  sollten daran glauben und danach handeln, und am Ende werde sich erweisen, welcher Ring echt ist.