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Zwischen Hochverbundenheit und Gleichgültigkeit – Dekan Otto Friedrich interpretierte die EKD-Studie zur Kirchenmitgliedschaft

Otto Friedrich (Foto: Rolf Gebhardt)

Otto Friedrich (Foto:Archiv / Rolf Gebhardt)

Der Start zur neuen Programmrunde 2014/15 der „Jungen Senioren Heilbronn“ mit wiederum 25 geplanten Veranstaltungen erfolgte im Hans-Rießer-Haus unter dem etwas sperrigen Titel: „Engagement und Indifferenz“. So wissenschaftlich ist die jüngste Erhebung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Kirchenmitgliedschaft überschrieben.

Diese „erklärungsbedürftige Studie“ hatte sich der Heilbronner Dekan Otto Friedrich für seinen Eröffnungsvortrag ausgesucht und gleich die zutage tretende mangelnde Verbundenheit einer wachsenden Zahl von Kirchenmitgliedern mit dem Wort Gleichgültigkeit – „im Wortsinne“ – erklärt. Wie Friedrich erläuterte, zeitigt die repräsentative EKD-Mitgliederbefragung eine zunehmende Kluft zwischen hoch engagierten Gemeindemitgliedern und Menschen, die sich von der Kirche verabschiedet haben, für die Kirche keine Bedeutung mehr hat. Noch nie in den vorangegangenen vier in Zehnjahreszeiträumen vorgenommenen Ermittlungen war sowohl der Anteil der „kaum“ oder „nicht“ mit der Kirche verbundenen Mitgliedern (32 Prozent) wie der „sehr“ und „ziemlich“ kirchenverbundenen Mitgliedern (43 Prozent) so hoch und das Mittelfeld („etwas verbunden“) so niedrig: Also eine Polarisation von Hochverbundenen und Gleichgültigen.  Offensichtlich gäbe es eine Entwicklung hin zu einer verbreiteten Konfessionslosigkeit wie damals in der DDR: „Im Zuge der Individualisierung der Gesellschaft verflüchtigt sich der Glaube.“

Für Friedrich ist insbesondere ein Traditionsabbruch erkennbar. Die Weitergabe des Glaubens von Generation zu Generation, die christliche Erziehung in der Familie breche weg. Bei immer mehr jungen Leuten, Jugendlichen und Kindern fehle es an Kenntnis von Religion und Kirche. Die Zahl der Taufen ist alljährlich deutlich niedriger als die der Konfirmationen und erst recht der Sterbefälle.

Für den Dekan ergibt sich daraus die Schlussfolgerung, jene Elterngeneration zu erreichen, der Glaube und Religion wenig bis nichts bedeute. Das beginne im Kindergarten, setze sich im schulischen Religionsunterricht und in der Kinderkirche sowie anderen kirchlich-kulturellen Angeboten fort. Immerhin sei es erstaunlich, dass gewisse kirchliche Veranstaltungen – Konzerte, Vorträge – auch im hohen Maße von kirchlich fernstehenden Personen wahrgenommen würden. Überdies bste4he auch bei nur gelegentlichen Kirchgängen eine hohe Anspruchshaltung. Das gelte  für besondere kirchliche Anlässe wie die feierliche Inszenierung von Kasualien („stets eine große Chance, andere zu erreichen“), für Weihnachsfeiern und auch für aufbauende Predigten. Die hohen Erwartungen an die Diakonie könnten die kirchlichen Möglichkeiten gar überfordern.

Wie aus der Studie auch herauszulesen ist, besteht auch bei „indifferenten“ Kirchenmitgliedern das Bedürfnis, dass das Profile der Kirche öffentlich wahrgenommen wird, ihre ethische Dimension. Gleichzeitig verbreitere sich die religiöse Vielfalt, also unterschiedliche Glaubensauffassungen und flexiblere Gemeindeformen. Friedrich möchte aber deshalb nicht Milieukirchen das Wort reden. Für ihn ist nach wie vor die Ortskirche der Gemeindemittelpunkt, „für alle da“. Andererseits fände er es  sinnvoll, wenn sich Gemeindepfarrer vermehrt bei öffentlichen Gelegenheiten sehen lassen und sich so auch gegenüber Nichtkirchgängern als „Vertreter der Kirche“ zu erkennen geben würden.

In einer regen Diskussion ging es vor allem um religiöser Erziehung in der Familie und um Vermittlungsprobleme. Der Landessynodale Frieder Veigel meinte, man dürfe sich nicht damit zufrieden geben, dass nur 24 Prozent der Gemeindeglieder zur Kirchenwahl gingen, auch wenn diese württembergische Quote als überdurchschnittlich hoch eingeschätzt werde. „Unser Profil, der Glaube an den auferstandenen Herrn“, müsse geschärft werden. Demgegenüber beklagte eine Zuhörerin, dass sich die Kirche noch immer allen fortschrittlichen Erkenntnissen verweigere und an 2000 Jahre alten Glaubenszeugnissen festhalte. Wie könne man Andersgläubigen verständlich machen, „was für eine komische Religion wir haben, wo der allgewaltige Gott seinen eingeborenen Sohn dem Kreuzestod opfert, damit den Gläubigen ihre Sünden vergeben werden.“

Dekan Friedrich antwortete, dass es Sache der Theologen sei, die alten Glaubensüberzeugungen in verständlicher Weise auszulegen. Er stimmte auch dem Einwurf zu, dass auch konfessionslose Mitmenschen durchaus eine tragbare ethische und humanitäre Grundauffassung haben könnten.

Korea bereit für Vollversammlung der Kirchen – Pfarrer Kwon Ho Rhee berichtete über die Vielfalt des religiösen Lebens

Veranstaltung vom 21. Januar 2013

Straßenszene in Seoul (Foto: Johannes Barre / wikimedia commons)

Straßenszene in Seoul (Foto: Johannes Barre / wikimedia commons)

Korea – dieser Halbinsel-Staat ganz im Osten des asiatischen Festlandkontinents ist für uns ziemlich fremd, wenngleich wir wissen, dass es ein geteiltes Land – nach dem verheerenden „Korea-Krieg“ – und Südkorea ein aufstrebendes High-Tech-Land  ist. Südkorea ist aber auch ein  recht christliches Land. Über die Kirchen Koreas zwischen Wachstum und Widerstand berichtete der koreanische Pfarrer Kwon Ho Rhee bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

Rhee lebt seit dem Jahr 2000 in Deutschland. Ursprünglich wollte er hier wissenschaftlich tätig werden und promovieren, doch er bekam eine Pfarrstelle für eine koreanische Gemeinde im westfälischen Münster. Seit März 2012 ist er für drei Jahre ökumenischer Mitarbeiter in Ludwigsburg im Pfarramt des Dienstes für Mission, Ökumene und Entwicklung (DiMOE) der Evangelischen  Landeskirche in Württemberg. Rhee ist verheiratet und hat zwei Kinder, eine 14jährige Tochter und einen achtjährigen Sohn, „die besser deutsch sprechen als ich“, so Rhee, obwohl er in Satzbau und Grammatik fehlerlos spricht.

Wie Rhee berichtete, hatte das lange abgeschottete Land der Koreaner – ein bis heute sehr homogenes Volk – schon vor etwa 250 Jahren über den  Dunstkreis der ostasiatischen Weltanschauungen hinaus geblickt und kam im Nachbarland China in eine erste Berührung mit dem Christentum. Als die ersten Missionare ins Land kamen, gab es bereits eine Bibel-Übersetzung ins Koreanische (zur uraltaischen Sprachfamilie gehörend). 1884 gab es die erste katholische Taufe eines Koreaners, und im gleichen Jahr kam ein Missionar der presbyterianischen Kirche der USA, die seitdem stark das christliche Geschehen in Südkorea prägt. Von den ersten sieben Pastoren, die 1904 in Korea ordiniert wurden, war einer der Urgroßvater von Kwon Ho Rhee.

In Korea vollzog sich ein regelrechtes Missionswunder. 1910 gab es unter 13 Millionen Koreaner 177 000 Christen, 1990 waren es 11,4 Millionen bei 43 Millionen Koreaner, also gut 27 Prozent. Heute sind von den gut 50 Millionen Einwohnen Südkoreas rund zwölf Millionen Mitglieder christlicher Kirchen. Laut Telefonbuch-Eintragungen gibt es etwa 60 000 christliche Gemeinden in Südkorea, mehr als doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Wie Rhee weiter informierte, sind koreanische Kirchen inzwischen mit 21 000 Missionaren in 169 Ländern vertreten, darunter auch 250 Missionare in Deutschland und eben so viele selbst in der Türkei (bei 4000 Protestanten).

Das kirchliche Leben in Korea unterscheidet sich stark von dem in Deutschland. Neben unzähligen kleinen Gotteshäusern in allen Stadtteilen – an manchen Straßenecken Seouls gibt es ein halbes Dutzend Hinweise – befinden sich von den 50 weltgrößten „Megachurch“ 20 in Südkorea – riesige moderne Veranstaltungszentren. getragen von charismatischen und Pfingstgemeinden. Eine solcher Megakirchen zählt 750 000 Gemeindeglieder und veranstaltet sieben Sonntagsgottesdienste. Morgenandachten gehören zum Alltag koreanischer Kirchen, wobei die erste oft bereits um 4 und die letzte um 11 Uhr beginnt. Überhaupt, so Rhee, ist die Zugehörigkeit zur Kirche sehr eng unter sozialer Kontrolle mit Beiritt zu Hauskreis und der Kinder zu Sonntagsschule. Da die Mitglieder durchweg bereit sind, den „Zehnten“ ihres Einkommens zu zahlen (als Spenden im Briefumschlag oder per Geldautomat), sind die Kirchen meist auch ziemlich reich. Auch sind n Korea Evangelisationsbemühungen auf der Straße sind an der Tagesordnung.

Pfarrer Rhee gehört zur Presbyterian Church of Korea (PCK“), „Freund der kleinen Leute“, mit mehr als 2,8 Millionen Mitglieder, 8300 Kirchengemeinden und über 16 000 Pfarrer und 1290 Missionaren in 88 Ländern die zweitgrößte des Landes, die zusammen mit der kleineren Presbyterianischen Kirche in der Republik Korea (PROK) Vorreiter in der Ökumene-Bewegung ist. Angestrebt wird auch eine verstärkte Zusammenarbeit mit der württembergischen Landeskirche und dem Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland (EMS).  Auf Hochtouren laufen die Vorbereitungen für die Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) im Herbst 2013 in der südlichen Hafenstadt Busan – dem dritten Weltgroßereignis in Korea nach der EXPO 2012 in Yeosu (Thema: „Der lebende Ozean“) und den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. Widerstand gibt es dagegen von den Pfingstkirchen, den Buddhisten und dem Drittel der Atheisten.