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Klimawandel ist für unsere Breiten eher positiv

Doch global könnte es zur Klimakatastrophe kommen, so Prof. Gemmrich        (Veranstaltung vom 22. Oktober 2012)

Der Weinbau in Deutschland wird vom Klimawandel profitieren. (Foto: Treiber)

Dass sich unser Klima verändert, das Wetter im Schnitt immer wärmer wird, ist eigentlich Allgemeinwissen. Aber ist das gut oder schlecht, wer ist Gewinner und wer Verlierer des Klimawandels, und kann der zur Klimakatastrophe werden? Darüber referierte Prof. Dr. Armin Gemmrich bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

Der promovierte Biologe Gemmrich war bis vor drei Jahren Professor an der Hochschule Heilbronn im Studiengang Weinbetriebswirtschaft, und so lag es nahe, dass er den Klimawandel exemplarisch auch an dem für unsere Region so typischen Weinbau ausmachte. Austrieb, Blüte und Reife setzen inzwischen zwei bis drei Wochen früher ein als noch vor 50 Jahren, konstatierte Gemmrich und zeigte das Foto einer reifen blauen Traube vom 28. Juli 2003 – „ein Jahrhundert-Jahrgang.“ Ähnlich gut sieht es ja in diesem Jahr aus, mit einem wahrlich „goldenen Oktober“, der mitunter noch sommerliche Temperaturen brachte und opitmale Weinlese. Klimaerwärmung ist also für unsere Breiten doch recht positiv (wenn wir von mehr Stürmen und Starkregen absehen), erscheint gut für landwirtschaftliche Erträge, könnte gar zwei Ernten bringen, und bei uns könnten Feigen, Zitronen und Kiwis gedeihen, wohl auch Palmen wachsen. Und mehr Sonne und Wärme würde wohl den Inlandsurlaub begünstigen – Rügen statt Mallorca.

Anderswo jedoch, in anderen Klimazonen, hat der Klimawandel bereits negative Auswirkungen, so in mediterranen Regionen. In Athen sind Sommertemperaturen von 45 Grad keine Seltenheit mehr, und im spanischen Inland müssen riesige Rebfläche aus Wassermangel stillgelegt werden, wegen extremer Hitze und Dürre. Erwiesen ist, dass das Grönlandeis abschmilzt, der Permafrost der sibirischen Tundra auftaut. Das hat Folgen für die Atmosphäre und für den Meeresspiegel, der in einem Extrem-Szenario in den nächsten 100 Jahren um bis zu sieben Meter ansteigen könnte. Dann wäre ganz Holland und große Teile Norddeutschlands überflutet, einige Länder in den Tropen untergegangen. Milliarden Menschen müssten umgesiedelt werden, und das Menetekel der Klimaflüchtlinge käme auf uns zu. Andererseits könnte dann das System des Golfstroms umkippen und uns wieder eine Senkung der Durchschnittstemperaturen bescheren.

Nun, Klimawandel hat es immer gegeben, argumentieren „alternative“ Wissenschaftler und sprechen von Klima-Hysterie. Auch Gemmrich wies darauf hin: In der letzten Eiszeit vor 18 000 Jahren war es acht Grad kälter als heute, dann in der „Warmzeit“ von 8000 bis 4000 vor unserer Zeitrechnung zwei Grad wärmer, von 900 vor bis 1300 nach Christi gab es ein Klima-Optimum mit ein Grad mehr, Grönland war grün, während in der „kleinen Eiszeit“ von 1450 bis 1850 in Europa die Temperaturen um gut ein Grad niedriger lagen und es Hungersnot und extreme Winter gab.

Damals vollzogen sich die Klimaveränderungen jedoch in sehr viel längeren  Zeiträumen, ausgelöst durch Einflüsse von Sonnenflecken und Vulkanismus, die zwar auch heute eine – noch eine wenn auch minimale – Rolle spielen im Vergleich zu dem, was der Mensch mit seinem Wirtschaftsverhalten verursacht. Da ist vor allem der ständig steigende Ausstoß von Kohlendioxid zu nennen, was Atmosphäre und Biosphäre in relativ kurzer Zeit stark beeinträchtigt.

Klima ist nun mal ein sehr komplexes und dynamisches System, verdeutlichte Gemmrich. 30 Gigatonnen Treibhausgase werden jährlich global freigesetzt, mit steigender Tendenz, weil Entwicklungs- und Schwellenländer sich dem Lebensstandard der „alten“ Industriestaaten annähern wollen. Gut 30 Prozent tragen Land- und Forstwirtschaft bei, gut ein Viertel geht auf das Konto Energie und knapp ein Fünftel produziert die Industrie. „Wenn wir so weiter machen“ steigt die Durchschnittstemperatur langfristig um bis zu sechs Grad; zwei Grad sind höchstens tolerabel.

Gemmrichs Fazit: Der anhaltende Klimawandel, der für unsere Region durchaus angenehme Auswirkungen hat, könnte global zur Klimakatastrophe führen, wenn man weiter so ungestüm mit  Ressourcen umgeht und nicht nachhaltig gegensteuert. Deshalb: Ohne Klimaschutz gibt es keine Zukunft für die Menschheit, und da ist jedermann gefragt. Gemmrich ist auch Gründer und Vorsitzender des Instituts für nachhaltige Entwicklung an der Hochschule Heilbronn, das am Tag nach Gemmrichs Vortrag ein Nachhaltigkeits-Forum im Campus veranstaltete.