Schlagwort-Archive: Kränkung

Eine Kränkung ist wie eine Ohrfeige für die Seele – Pfarrer i.R. Peter Goes mit praktischen Tipps über einen gelassenen Umgang

2014-04-07_07akl

Peter Goes (Foto: Archiv / Rolf Gebhardt)

Wohl jeder hat schon so etwas erlebt: Kränkungen. Über dieses existenziell berührende Thema referierte der Heilbronner Pfarrer i.R.Peter Goes bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus, auch mit anschaulichen Beispielen nicht zuletzt aus langjähriger Erfahrung als ehemaliger Klinikseelsorger, und er gab hilfreiche Tipps für einen gelassenen Umgang mit Kränkungen.

„Eine Kränkung ist eine Ohrfeige für die Seele.“ Mit dieser Begriffsdefinition von einer bekannten Psychotherapeutin näherte sich Goes diesem durch Kränkungen entstehenden Sachverhalt, wenn einem also, meist ziemlich unvorbereitet, von anderen Menschen eine solche seelische Verletzung angetan wird: etwa durch überzogene bzw. ungerechtfertigte Kritik oder Anschuldigung, durch Ablehnung oder Nichtbeachtung. Man fühlt sich innerlich verletzt, nicht wertgeschätzt, entwertet, gedemütigt, erniedrigt, enttäuscht, unfair behandelt. Man erleidet Minderwertigkeitsgefühle und Selbstzweifel. Die so hervorgerufene seelische Verletzung kann zu psychosomatischen Beschwerden führen bis hin zur Verbitterungsstörung, machte Goes deutlich, ja auch Ausdruck finden in körperlichen Symptomen: Anspannung, Unruhe, Beklemmung, Schwindel, Herzstörungen, Bluthochdruck. Goes: „Kränkungen machen krank,“ denn Kränkungen gehen quasi ins Mark und an die Nieren, können neben seelischen Schmerzen auch körperliche Beschwerden verursachen, Wenn man „sauer“ ist, vermag man sich selber zu vergiften, durch Übersäuerung des Körpers.

Besonders schmerzlich empfindet man es, so Goes, wenn einem Kränkungen von vertrauten Personen zugefügt werden, von einem nahestehenden Personen, denen man vertraut und denen man sich geöffnet hat und von denen man sich plötzlich ausgenutzt und hintergangen fühlt. Schlimm ist es, wenn Kränkungen nicht verstehbar sind, wenn sich Ohnmachtgefühle einstellen, von den Launen eines eigentlich geschätzten Menschen beschädigt oder Opfer eines gemeinen Menschen geworden zu sein. Kränkungen kommen ja nicht nur im persönlichen Umfeld vor, sondern mitunter auch im Berufsleben, wenn der Chef zu hohe bis unerreichbare Ansprüche stellt, Leistungen in Frage zieht, oder durch beleidigende Bemerkungen missgünstiger Kollegen oder unverschämter Kunden. Goes wies auch auf das Phänomen des Mobbing hin, am Arbeitsplatz und heute vermehrt in der Schule und bei Jugendlichen untereinander, vor allem auch via sozialer Netzwerke im Internet.

Wenn man sich also in seinem Selbstwertgefühl herabgesetzt sieht, wenn die eigene menschliche Würde und Identität angegriffen ist, die innere Balance, Lebensfreude und Liebesfähigkeit verloren zu gehen drohen – wie verhält man sich dann. Enttäuschung und Vertrauensverlust, Unzufriedenheit und Verbitterung kann sich laut Goes sowohl in Selbstmitleid wie in Aggression niederschlagen. Doch weder eingeschnappt sein, zu schmollen, sich zurückziehen kann ebenso wenig die Lösung sein wie verbal zurückzuschlagen, auszurasten und Rachepläne schmieden, meinte Goes. Er erinnerte an die Aussage des Philosophen Sören Kierkegaard, dass das Leben zwar rückblickend verstanden wird, aber vorwärts bewältigt werden muss. Auch wenn einem wiederholt Kränkungen angetan worden sind, gilt es, eventuell lebenslang sich festsetzende Beschädigungen zu vermeiden, sich um Abstand zu bemühen, die Kontrolle über das eigene Ich zurückzugewinnen, sich weder im Negativen noch im Hass zu verlieren. Goes konnte als Theologe passende Beispiele aus biblischen Geschichten heranziehen, aber auch eine Reihe ganz praktischer Leitgedanken und Regeln anbieten.

Gut ist es immer, wenn man zu Selbstkritik und Selbstreflektion fähig ist, wenn es einem gelingt, die Motive des Kränkenden auszuloten, die Kränkungshandlung zu hinterfragen. Natürlich kann es hilfreich sein, vergeben zu können, wenngleich das nicht Verzeihen und Vergessen bedeuten muss, aber ein solcher Prozess kann einen auch überfordern oder sich als unmöglich erweisen, wenn Kränkungen anonym erfolgen. Wichtig ist für Goes, dass man sich innerlich mit sich selbst aussöhnt, sich seiner Selbst – seines Wertes – gewiss wird, inneren Frieden findet und einen Schussstrich zieht.

Peter Goes, der ja Neffe des Dichterpfarrers Albrecht Goes ist, gab den 130 Zuhörer/innen noch ein eigenes Gedicht mit auf den Weg. „Seinlassen. Ich möchte mich dem fließenden Strom überlassen, den Winden, der Sonne am Meer und den Dingen, wie sie an mein Ufer geschwemmt werden. Beschwörungen loslassen, Haben und Rechthaben, Wollen und Klammern, Gekränktheit, vergebliche Zwänge. Und immer wieder Abschied nehmen von Menschen und Dingen, mich selbst als einen Tropfen im Strom des Lebendigen fühlen.“