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Der Heilbronner Christophorus und seine Symbolik – Der Initiator Siegfried Krüger reflektierte über Deutungen der Heiligenlegende

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Siegfried Krüger und der Heilbronner Christophorus (Bild: Rolf Gebhardt)

Der „Heilbronner Christophorus“ – nahezu jeder Heilbronner kennt die Skulptur am Südportal der Kilianskirche. Was es mit diesem Christophorus auf sich hat, was er bedeuten soll und warum und wieso er hier aufgestellt worden ist, darüber konnte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus niemand besser Auskunft geben als Siegfried Krüger, der „Initiator“ dieses Christophorus.

Siegfried Krüger, bis 1997 40 Jahre als Diplom-Ingenieur im Dienste der Deutschen Bundesbahn, kam – wie er berichtete – vor 40 Jahren erstmals mit dem Phänomen Christophorus in Berührung. 1975 sollte er als Kirchengemeinderat in der Martin-Luther-Kirche eine Bild-Mediation zum Christophorus bei einem Abendmahlgottesdienst halten. Seitdem beschäftigte er sich mit der Christophorus-Legende und stieß bei Ausflügen und Reisen immer wieder auf Christophorus-Bilder und -Skulpturen. Ab 1984 verfolgte Krüger die Idee, die Christophorus-Legende in Heilbronn zu visualisieren, was zur Gründung des Förderkreises für christliche Kunst in der Kilianskirche führte, mit 18 namhaften Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft. Auf dem Wege zur Realisierung des Projekts konnte nach einer Spendensammlung im Zuge einer Ausschreibung in einem engeren Wettbewerb unter vier Künstlern Jürgen Goertz aus Angelbachtal mit dem Auftrag betraut werden. Nachdem zuerst die Abweichung zwischen Entwurf und Realisation zu groß empfunden worden war, entstand die heute allseits anerkannte – 1988 eingeweihte – Form des Heilbronner Christophorus, jene charakteristische Bronze-Figur mit den Marmor-Wellen.

Wer war Christophorus? Als Märtyrer soll er um 250 in Lykien in der heutigen Türkei unter Kaiser Decius enthauptet worden sein. Wie Krüger berichtete, ist bereits im 5. Jahrhundert die Legende von Christophorus entstanden, ein eindrucksvoller Riese namens Offerus, der mit seiner Stärke dem mächtigsten Herrn dienen wollte. So begab er sich erst in den Dienst des Königs, dann des Teufels, doch da dieser Kreuze am Wegesrand fürchtete, begann Offerus den gekreuzigten Christus als mächtigsten Herrn zu suchen,  nach dem Rat eines Einsiedlers als Träger über einen Strom.

Eines Nachts wollte ein Kind über das Wasser gebracht werden, doch dabei wurde Offerus die Last so schwer, „als trüge ich die ganze Welt.“ Darauf antwortete das Kind, wie nach der Legende in der Inschrift bei der Heilbronner Skulptur festgehalten. „’Du trägst den Herrn der Welt, Christus,‘ und tauchte Offerus unter das Wasser, taufte ihn und gab ihm den Namen Christophorus, das heißt Christusträger.“ Weiter heißt es: „So ist Christophorus das Sinnbild geworden für jeden Menschen, der aufrichtig nach dem Großen sucht. Er wird ihn zuletzt finden in dem gewaltlosen Christus.Wo einer zum Christusträger wird, beginnt das Leben neu zu blühen.“

Laut Krüger wurde Mitte des 5.Jahrhunderts von Bischof Eulalius von Chalcedon in Kleinasien eine Kirche zu Ehren des heiligen Christophorus geweiht. Die Darstellung des Christophorus, der Christus auf den Schultern trägt, lasse sich seit 1150 nachweisen. Krüger. „Das Bild des Christusträgers ist also nicht aus der Legende heraus entstanden, sondern die Legende hat sich aus dem Bild entwickelt.“ Christophorus wurde im 15. Jahrhundert einer der 14 Nothelfer der Kirche, doch – so Krüger – der heilige Christophorus hat im katholisch-kirchlichen Bereich seine Bedeutung nahezu verloren, denn beim Zweiten Vatikanischen Konzil von 1969 hat sich die katholische Kirche von diesem historisch nicht eindeutig nachweisbaren Heiligen distanziert und seinen Namen aus dem liturgischen Festkalender gestrichen. Auch wenn seither die Verehrung vor allem im Profanraum stattfindet, änderte das nichts an der jahrhundertelangen Beliebtheit dieser Heiligenfigur, der man Krüger zufolge in Europa an über 3000 Orten begegnet, auch als Patron.

Krüger verwies in diesem Zusammenhang auch auf ein Fenster von Wolf-Dieter Kohler in der  Markuskirche Stuttgart, mit einer Christus über die Opfer der Sintflut tragenden Maria. Auffallend ist für Krüger auch, dass in den zur Christophorus-Figur korrespondierenden Fenstern der Kilianskirche der Glaskünstler Prof. Crodel die Arche Noah und die Taufe Jesu dargestellt hat. Und: Die evangelische Kommunität der Schwestergemeinschaft der Christusträgerinnen vom Hergershof  haben bei der jüngsten Autobahnkapelle nahe der großen Kochertalbrücke eine aus Holz geschnitzte 2,20 m hohe Christophorus-Figur erstellen lassen – „als Zuspruch, Hoffnung und Herausforderung“.

Die Avantgarde der Künstlerkolonie Worpswede – Kunsthistorikerin Dr. Kitzing-Bretz würdigte Malerin Paula Modersohn-Becker

Veranstaltung am 16. Dezember 2013

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Die Künstlerkolonie Worpswede ist für die rund 100 „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus wohl ein Begriff, und viele verbinden damit auch bestimmte Farbbilder. Über die Entstehung dieser legendären Künstlerkolonie sowie ihre maßgeblichen Künstler und deren Schaffen informierte anschaulich und kompetent die Löwensteiner Kunsthistorikern Dr. Martina Kitzung-Bretz (Foto).

„Ah, das ist die Paula“, meinten einige Besucher/innen, als das erste Bild auf der großen Leinwand auftauchte – ein Selbstbildnis von Paula Modersohn-Becker aus dem Jahr 1906, das heute im Kunstmuseum Basel zu finden ist. Es ist eines – aber wohl bekanntestes – von insgesamt über 30 Selbstporträts jener Künstlerin, die man am ehesten mit Worpswede in Verbindung bringt. „Dargestellt in vereinfachenden Formen mit kräftiger Konturierung, in gedämpfter, erdiger Farbigkeit, dazu expressiver Ausdruck.“ So Kitzing-Bretz, die hervorhob, dass Paula Modersohn-Becker in einem auch für die Worpsweder Künstlergemeinde eigenständigen Stil malte, der sie zur Vorläuferin und Wegbereiterin des deutschen Expressionismus machte. Das gelte auch für ihre stimmungsvolle Landschaftsmalerei mit breitflächig angelegten, großzügigen Farbkompositionen und frontalem Bildaufbau, wohl auch unter dem Einfluss der französischen Maler Paul Cézanne und Paul Gauguin, deren Werke sie bei ihren Studienaufenthalten in Paris kennen gelernt hatte.

Jene 1876 in Dresden geborene Paula Becker verbrachte 1894 mit ihren Eltern anlässlich deren Silberhochzeit erstmals die Sommerferien in dem niedersächsischen Dorf Worpswede, 25 km nordöstlich von Bremen. Seitdem war sie begeistert von dieser naturbelassenen Landschaft am Rande des Teufelsmoors und der ganzen Atmosphäre einer jungen Künstlerkolonie. Der eigentliche „Entdecker“ Worpswedes war der Maler Fritz Mackensen, der seinen Kommilitonen und Künstlerfreund Otto Modersohn 1889 auch zum Umzug nach Worpswede bewog. Ihnen folgten die Kunststudenten Hans am Ende und Fritz Overbeck; auch Heinrich Vogeler gehörte dazu.

Paula Becker, eine junge begabte Malerin, hatte als Frau keinen Zugang zur staatlichen Kunstakademie gefunden. Um ihre Kunst zu vervollkommnen, nahm sie die Gelegenheit zu einem Studium an einer renommierten privaten Kunstschule in Paris wahr – die ersehnte Möglichkeit, sich mit der zeitgenössischen modernen Kunst zu beschäftigen. Insgesamt war sie viermal mehrere Monate in Paris (1900, 1903, 1905, 1906), kehrte aber immer wieder nach Worpswede zurück. 1901 heiratete sie den elf Jahre älteren Künstlerkollegen Otto Modersohn, der aus erster Ehe eine Tochter hatte. Diese Elsbeth hat Paula Modersohn-Becker auch in einem berühmten Bild porträtiert („Mädchen mit Perlenkette im Haar“). 1907 war sie schwanger, bekam eine Tochter, doch sie selbst starb noch im November am Embolie in Worpswede.Der befreundete Bildhauer Bernhard Hoetker schuf für sie 1910 ein eindrucksvolles Grabmal, das sie mit Kind symbolisiert.

Paula Modersohn-Becker hat zahlreiche Bilder von Kindern und auch von ländlichen Frauen gemalt, aber noch mehr stimmungsvolle Landschaftsbilder, mit Katen im Moor oder Kähnen auf Moorkanälen. Doch von den über 700 Gemälden, die sie in wenigen Schaffensjahren gemalt hat, konnte sie höchstens eine Handvoll verkaufen. Erst durch eine posthume Ausstellung ihrer Gemälde erhielt Paula Modersohn-Becker die ihr gebührende nationale und internationale Anerkennung.

Auch wenn Martina Kitzing-Bretz vor allem Paula Modersohn-Becker herausstellte, würdigte sie auch insgesamt die Avantgarde der Künstlerkolonie Worpswede, deren Maler insbesondere eine realistische, flächig und linear vereinfachte Personen- und Landschaftsdarstellung entwickelten. So verwies sie auf Monumentalbilder von Otto Modersohn („Gottesdienst im Freien“, 4.30 x 2,85 m), und Heinrich Vogeler („Sommerband“, 3,10 x 1,75 m). Vogeler (1872-1942) lebte auf dem Stattlichen „Barkenhoff“, der heute – restauriert -eindrucksstark die Spannweite von Vogelers Schaffen vom Jugendstil über Expressionismus bis zum sozialistischen Realismus dokumentiert; im Kulturort Worpswede gibt es heute mehrere Museen und Galerien. Im gleichen Jahr wie die Modersohns heirateten auch Vogeler (Martha Schröder) und der österreichische Schriftsteller Rainer Maria Rilke (1875-1926), die Bildhauerin Clara Westhof, die er in Worpswede kennengelernt hatte, wo sie auch freundschaftliche Beziehungen zu den Modersohns und Vogelers pflegten.

Der Naumburger Meister und seine Meisterwerke – Prof. Udo Kretzschmar vermittelte die Kunstfiguren des heimlichen Waldensers

Veranstaltung am 15. April 2013

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Adelheid von Burgund des Naumburger Meisters (Foto: wikipedia commons/von user: Kolossos)

Eine besondere Kirchenführung und kunstgeschichtliche Betrachtung erlebten die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus bei einem virtuellen Besuch des Naumburger Doms St. Peter und Paul, der zu den wertvollsten Baudenkmälern Europas gehört. Naumburg gab den Namen für den „Naumburger Meister“, einen namentlich nicht bekannten Steinbildhauers des 13. Jahrhunderts, der im Naumburger Dom die wohl bedeutendsten Kunstwerke des europäischen Mittelalter schuf.

Darüber berichtete Prof. Udo Kretzschmar, in einem anspruchsvollen Vortrag, technisch optimal  mit jeweils passenden Bildern hinterlegt von Prof. Franz-Josef Leven. Kretzschmar, der Gründer und langjähriger Direktor des Heilbronner Lehrerseminars war, und Leven hatten zuletzt 2011 den Naumburger Dom bei der de Naumburger Meister gewidmeten  Landesausstellung besucht. Kretzschmar wies eingangs darauf hin, dass das 13. Jahrhundert mit Nibelungenlied, Parzifal und Tristan und Isolde verbunden ist, aber auch eine Zeit des Umbruchs war. Der Niedergang der königlichen Macht führte zum Ausbau von Landesherrschaften, so auch an der Saale, wo wohl der Naumburger Domherr die Verbindung zu jenem überragenden Künstler aufnahm, der der um 1240 für den Mainzer Dom tätig war. Offenbar hatte dieser die hochgotische Reliefkunst im Nordfrankreich erlernt und war mit seinem Werktrupp über Amiens, Noyon, Reims und Metz – in den dortigen gotischen Kathedralen lassen sich seine Spuren nachweisen – nach Mainz gekommen. Dort schuf er für den Westlettner u.a. ein Reiterbildnis, das die Legende der Mantelteilung des heiligen Martin von Tours mit dem Bettler darstellt, berühmt geworden als „Bassenheimer Reiter“, denn als 1683 der Westlettner abgebrochen wurde, ließ der damalige Domherr das Relief über dem Seitenaltar der Pfarrkirche seines Heimatorts Bassenheim (bei Koblenz) anbringen.

Für Kretzschmar spricht vieles dafür, dass der Naumburger Meister ein heimlicher Waldenser, Schon Ende des 12. Jahrhunderts war es zum Aufbruch vitaler Armuts- und Predigtbewegungen gekommen, die – wie die Waldenser – den kirchlichen Heilsanspruch unterliefen, weil sie ohne kirchliche Genehmigung das Evangelium auslegten.  Die Waldenser, die wie die Urchristen in Armut lebten, waren jedoch kaum greifbar, weil sie ohne Organisation und Leitung auskamen.Als kirchliche Gegengewichte entstanden in jener Zeit die Bettlerorden Franziskaner und Dominikaner. Das Werk des Meisters vornehmlich in Naumburg weist denn auch einen vorreformatorischen protestantischen Charakter, auf. Das zeigt sich an der eindrucksvollen Ansammlung von Stifterfiguren um Westchor – das Fehlen von Heiligenfiguren in einem sakralen Raum.

In den 40er Jahren des 13. Jahrhunderts wurden von dem Naumburger Meister und seiner Künstlerwerkstatt zwölf lebensgroße Standbilder der etwa 200 Jahr vorher verstorbenen Dom-Stifter dargestellt, zum Teil inschriftlich bezeichnet: Im Chorbogen ein Quartett mit dem Grafen Dietmar, dem Richter Syzzo, dem Domherrn Wilhelm und dem Grafen Thimo. Im Übergang zum Chorquadrat folgen die Hauptstifter-Ehepaare Hermann und Riglindis sowie Ekkehard und Uta. Das Chorquadrat bilden dann ein Konrad, Gräfin Gerburg (Inbegriff des Frauenideals im Zeitalter des Minnesangs), deren Gatten Dietrich (Bruder von Wilhelm) und Brechta. Kretzschmar berichtete über die Schicksale, die sich hinter diesen ersten individuellen Menschenbildern verbergen und interpretierte deren Ausdruck, insbesondere der beiden so unterschiedlichen Brüder Ekkehard und Hermann und ihrer Gemahlinnen, der aristokratischen Markgräfin Uta, stolz, kühl und anmutig, und der resoluten, lebensfrohen Reglindis. Kretzschmar: „In ihren Gesichtern spiegeln sich Schuld und Verrat , Macht, Geld und Gewalt, Gnadenfürbitte, Verzweiflung und Melancholie wider.“

Als der Westchor baulich an den spätromanischen Dom angeschlossen wurde, entstand der Westlettner, der – einzigartig in der Kunstgeschichte – nicht eine Trennschranke zwischen dem Raum des Profanen und dem Allerheiligsten (der Geistlichkeit) darstellt, sondern eine Pforte zum Chor der Stifter: Man geht unter den ausgebreiteten Armen der leidenden Christusfigur (im dreiarmigen Kreuz der Waldenser) hindurch, vorbei an den seitlichen Figuren der Maria und  Johannes des Täufers. An der Brüstung der Lettnerbühne sind Reliefs mit Darstellungen des Passionsgeschehens angebracht, „weniger sakramental als realistisch“, so Prof. Kretzschmar.