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Märchen von in Tieren verzauberten Menschen – Die Erzählerin Petra Anna Schmidt deutet Märchen der Brüder Grimm

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Petra Anna Schmidt (Foto: Rolf Gebhardt)

Als Kinder sind wir durchweg mit Märchen aufgewachsen, wobei die Märchen der Brüder Grimm die bekanntesten und beliebtesten waren und sind. Die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus machten jetzt wieder Bekanntschaft mit Grimms Märchen, vorgetragen von der Erzählerin Petra Anna Schmidt aus Tübingen, die dabei auch gleich Deutungen nach lieferte.

„Es war einmal . . .“ So fangen alle Märchen an. Es war einmal ein Hexenhaus oder ein Schloss, eine Zauberin oder ein Räuber, eine unverstandene Prinzessin und ein verliebter Jüngling. Grimms Märchen sind voll von für uns heute unrealistischen Behausungen, Gestalten und Begebenheiten. Und doch wurden und werden diese Geschichten von Kindern „verschlungen“, tauchen die Kinder gerne ein in eine bunte Märchenwelt, lassen sich verzaubern , ängstigen und erfreuen von Geschehnissen und Lebensprozessen, die mit dem realen Leben wenig bis gar nichts  und oft auch nichts mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten zu tun haben. „Im Gegensatz zu Erwachsenen brauchen Kinder keine Erklärungen, Deutungen und Übersetzungen von Märchen“, meinte die Erzählerin, denn „Kinder denken analog und Erwachsene logisch.“

„Es war einmal eine Zauberin, die hatte drei Söhne, die sich brüderlich liebten; aber die Alte traute ihnen nicht und dachte, sie wollten ihr ihre Macht rauben.“ So beginnt das weniger bekannte Grimms Märschen „Die Kristallkugel“, das Petra Anna Schmidt als erstes vortrug. Also verwandele die Zauberin den ältesten Sohn in einen Adler und den mittleren in einen Walfisch, während der jüngste vorzeitig flieht. Er macht sich auf den Weg zu einem Schloss, wo er die verwünsche Königstochter erlösen möchte. Durch die Begegnung mit zwei streitenden Riesen kommt er in den Besitz eines Wünschhuts, der ihn prompt ans Ziel bringt. Die Königstochter auf dem Schloss leidet an einem Fluch, dass sie für jeden alt aussehen lässt. Nach Erfüllung einer ganzen Folge gefährlicher Teilaufgaben gelangt er n den Besitz einer Kristallkugel, die den Zauberer besiegt, „Da eilt der Jüngling zu der Königstochter, und als er in in ihr Zimmer trat, so stand sie da im vollen Glanz ihrer Schönheit, und beide wechselten voll Freude die Ringe  miteinander.“

Der Erzählerin zufolge verkörpern verzauberte Menschen in Tiergestalten Eigenschaften von Menschen, die noch nicht ganz zur  Reife gekommen sind., der in vielen Mächten vorkommende Wald das Bild für das Ungewisse und Unheimliche, und Riesen stehen für unkultivierte Kräfte. Märchen zeigten oft, dass es sich lohne, die „Komfortzone von Hotel Mama“ zu verlassen und sich aufzumachen Unvorhersehbare, meist mit einem hehren Ziel, das zu erreichen einem auch nach Umwegen und Schwierigkeiten vergönnt ist. Märchen zeigten  auch, dass wer arm und verkannt ist, nicht verzagen müsse, dass andererseits Reichtum und Privilegien nicht das Glück bedeuten, sondern dass dazu etwas kommen müsse wie Liebe und Erfüllung.

Dieser Auslegung entspricht auch das Märschen „Das Eselein“: Eine Königin jammert, dass sie kein Kind hat, und gebiert dann einen Esel.Sie will ihn ersäufen, aber der Vater lässt das fröhliche Kind aufziehen, und es lernt vom Spielmann Laue spielen. Als es sein Spiegelbild im Wasser sieht, wandert das Eselein traurig fort zu einem Schloss, wo es wegen seines Lautenspiels eingelassen, doch für sein Aussehen verlacht wird. Es verlangt, beim König zu sitzen. Der zeigt ihm auch seine Tochter, und er gewinnt das Eselein dank seines feinen Betragens auch lieb. Als das Eselein traurig  heim will und sich nicht aufmuntern lässt, gibt ihm der König seien Tochter zur Frau. In der Hochzeitsnacht streift das Eselein die Haut ab und ist ein schöner Mann. Als dies dem König zugetragen wird, verbrennt er die Eselshaut. Der Jüngling will fliehen, aber der König macht ihn zu seinem Erben, und er erbt auch noch das Königreich seines Vaters.

Nach allerlei Verwicklungen und scheinbaren Aussichtslosigkeiten wird also am Ende alles gut. So auch beidem dritten vorgetragenen und ebenfalls „verzauberten“ Grimms Märchen „Jorinde und Joringel“ .Wiedergabe und Aufbau der Märchen machen deutlich, dass ihre Sammler und Gestalter, die Brüder Jacob Grimm (1785-63) und Wilhelm Grimm (1786-1859), begnadete Volkskundler und Sprachwissenschaftler waren, die mit Recht über die Jahrhunderte ihren gebührenden Platz in der deutschsprachigen Literaturgeschichte für Kinder und Erwachsene gefunden haben.