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Wie Verdi die Opernwelt seiner Zeit begeisterte

Birk über Leben und Werk des neben Wagner bedeutendsten Komponisten (Veranstaltung am 12.November 2012)

Kirchenmusikdirektor Reinhold Birk
(Foto: Rolf Gebhardt)

Mit einem musikalisch umrahmten Vortrag über Leben und Werk von Guiseppe Verdi bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus startete Reinhold Birk etwas verfrüht in das „Verdi-“ (bzw. „Wagner-)Jahr“ 2013, denn Verdi, der beliebteste Komponist des 19. Jahrhunderts, wurde ebenso wie Richard Wagner, der wohl größte und umstrittenste Komponist des 19. Jahrhunderts, vor (fast) 200 Jahren, also 1813, geboren.

Verdi wie Wagner gehören zu den größten Opern-Komponisten, und so war es sinnvoll, dass der 89jährige Reinhold Birk, vormals als Kirchenmusikdirektor in Krefeld selbst Komponist und im Ruhestand in Heilbronn HSt-Musikkritiker (alias Martin Betulius), sich eingangs des Themas Opern annahm. Die musikalisch-theatralische Kunstform Oper bildet eine Synthese von Musik, Bühnendichtung und szenische Darstellung. Musik und Szene waren bereits im Drama der Antike und im Mittelalter in liturgischen Dramen und weltlichen Spielen verbunden. Die eigentliche Oper entstand um 1600 in Florenz; die erste vollgültige bedeutende Oper schuf Monteverdi. Große deutschsprachige Opern stammen von Mozart und Beethoven. Verdi gilt als Inbegriff des italienischen Opernschaffens (Birk: „Es ist eine Barberei, wenn Verdi-Opern auf deutsch gesungen werden“), und im Schaffen Wagners erreichte die deutsche romantische Oper ihren Höhepunkt.

Guiseppe Verdi wurde am 10. Oktober 1813 in Le Roncole im Herzogtum Parma geboren.  Da er ein gewisses – wenngleich nicht spektakuläres – Talent zeigte, schickte sein Vater, Kleinkrämer und Schankwirt, den Zehnjährigen ins benachbarte Busseto, wo er beim örtlichen Organisten Unterricht erhielt. Wie Birk berichtete, wurde Verdi jedoch zum Studium am Konservatorium in Mailand mangels Talent (und wohl auch Ausbildung) nicht zugelassen – und sein Leben lang blieben Verdis Theoriekenntnisse unzureichend. 1834 heiratete Verdi die Tochter seines kaufmännischen Lehrherrn und Gönner in Busseto, Antonio Barezzi.

Nachdem Verdis erster Opern-Versuch („Oberto“) freundlich aufgenommen wurde, erhielt er einen ersten Auftrag für eine komische Oper. Doch da er sie in einer Zeit fertig stellen musse, als seine Frau und seine beiden Kinder einer epidemischen Krankheit erlagen, war es kein Wunder, dass diese Oper durchfiel. Dennoch drängte der Impressario der Mailänder Scala dem entmutigten Verdi ein Libretto auf, und Verdi schuf  daraus in drei Monaten eine Oper, deren Premiere am 9. März 1842 Verdi zum neuen Opernheld in Italien machte: „Nabucco“. Birk ließ es sich nicht nehmen, am Flügel daraus einen Part des weltberühmten Gefangenenchor zu spielen. Mit „Nabucco“ gelang Verdi  eine Öffnung und Erweiterung des Schemas der Belcanto-Oper, für ein gößeres Orchester mit umfangreicherem Klangvolumen sowie für kraftvolle dramatische Stimmen. Zudem machte diese Oper Verdi zum Symbolträger des Widerstands gegen die österreichische Fremdherrschaft, und tatsächlich durfte Verdi noch zu Lebzeiten seine Hoffnung auf ein geeintes Italien erfüllt sehen.

Ein weiterer Paukenschlag gelang Verdi mit „Macbeth“, der sensationellen Vertonung des gleichnamigen Shakespeare-Stücks in Richtung des Musikdramas.  Zu ihrer Zeit epochemachend waren Verdis „reife“ Opern „Rigoletto“ (1851) und „La Traviata“ (1853). Ein Meisterwerk wurde 1867 in Paris „Don Carlos“. Noch eindrucksvoller und origineller ist „Aida“ (1871), als Beitrag der Feierlichkeiten zur Eröffnung des Suez-Kanals komponiert. Verdis nächstes bedeutendes Werk war sein „Requiem“ (obwohl er aufgrund von Jugend-Erfahrungen antiklerikal und religionslos war). Zu seiner größten dramatischen Oper wurde „Otello“ (1887), und mit „Falstaff“, seiner letzten Oper (Verdi starb am 27. Januar 1901), gelang Verdi ein goßes Musikdrama als Gegengewicht zu Wagner.

Allerdings nicht alles, was Verdi anfasste, wurde ein Erfolg. Wie Birk durchklingen ließ, waren viele Verdi-Opern offenkundige Melodramen von oft dürftiger literarischer Qualität, wenngleich voll einschmeichelnder Melodien. Doch in ihrer dramatischen Entwicklung bieten Verdi-Opern mit einfachen Mitteln viel Emotionen und sind „große Musik“. Verdi führte mit seiner Lebensgefährtin und späteren (zweiten) Frau, einer bekannten Sopranistin, ein zurückgezogenes Leben auf dem Lande. Verdi bemühte sich oft eindringlich um die Überwachung der Inszenierungen seiner Opern, doch war der wortkarge Mann wenig empfänglich für Niederlagen wie für Bewunderungen.