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Forstwirtschaft der Nachhaltigkeit verpflichtet – Förster Sieghart Brenner über die wichtigen Funktionen des Ökosystems Wald

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Unser heimischer Wald – wie sehr schätzen wir ihn als Naturlandschaft und Ökosystem. Er ist halt viel mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Was es mit Wald und Forstwirtschaft auf sich hat, darüber unterrichtete ein „Förster mit Leib und Seele“ die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus: Sieghart Brenner. Nach Ausbildung in 15 Forstämtern und Fachhochschule war der im Allgäu und in Hohenlohe aufgewachsene Brenner von 1972 bis 2004 Revierförster im Forstamt Löwenstein.
Der heute 71jährige war auch stets gesellschaftspolitisch engagiert. Gewerkschaftlich für seine Kollegen, kommunalpolitisch insgesamt 28 Jahre im Kreistag, viele Jahre Gemeinderat und Kirchengemeinderat, und noch heute ist er im Vorstand des Naturfreunde Heilbronn und Vorsitzender der Heilbronner SPD-Senioren. „Ich hatte das schönste Forstrevier der Welt“, schwärmt Brenner noch heute von seinen zuletzt 1000 Hektar Wald zwischen Vorderbüchelberg und Hößlinsülz und insbesondere von seinem alten Forsthaus Joachimstal auf einer Waldlichtung bei Wüstenrot, 1778 zwar als Bauernhaus erbaut, doch bald von der königlich-württembergischen Forstverwaltung als Standort für ihre Revierhüter erworben, nun nach längerem Leerstand seit 2006 Museumsforsthaus im Hohenloher Freilandmuseum Schwäbisch Hall-Wackersdorf.
Charakteristisch für die Forstwirtschaft ist das Thema Nachhaltigkeit. Erstmals verwendet wurde der Begriff 1713 von dem sächsischen Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz in seinem Buch „Waldbau und Ökonomie“: Im Interesse nachfolgender Generationen soll nicht mehr Holz genutzt werden als nachwächst. Diesem Grundsatz ist auch die Forstwirtschaft der Region verpflichtet, wie Brenner am Beispiel von einem Hektar Dauerwald erklärte. Bei einem durchschnittlichen Holzvorrat von 400 bis 500 Festmeter Holz und einem jährlichen Zuwachs von gut zehn Festmeter werden gemäß der regelmäßigen Forsterhebungen alle fünf bis zehn Jahre etwa 90 Prozent (45 bis 90 Festmeter) „geerntet“, davon höchstens sechs Starkbäume, je fünf Prozent bleiben als Sicherheitsreserve und Totholz, laut Brenner „für die Biovielfalt unerlässlich“.
Hauptaufgabe eines Försters ist dir Waldbau durch mäßige und pflegerische Eingriffe auf ganzer Fläche mit schonender und angepasster Holzernteverfahren zum Schutz von Bestand, Bodenvegetation, Tierwelt und Nachhaltigkeit aller Wald-Funktionen. Auch wenn in unserer Gegend eigentlich Eiche und Buche primär vorkommen, sollte der Schwerpunkt auf Mischwald mit Baumarten der natürlichen Waldgesellschaften liegen, im Landkreis Heilbronn mit 71 Prozent Laubwald (22 Prozent Buche, 23 Prozent Eiche, neun Prozent Bergahorn) und 29 Prozent Nadelwald (zwölf Prozent Fichte, sechs Prozent Douglasie). so Brenner.
Nachdrücklich plädierte der Förster für Naturverjüngung, sei sie doch besser, naturgemäßer und kostengünstiger als Pflanzung. Doch zu viele Rehe gefährdeten die natürliche Verjüngung. Um eine Wildbestandsregulierung komme der Forstmann nicht herum. „Naturnaher Wald bedingt weniger Wild“, so Brenner,. Nach wie vor gilt die Verbissbelastung als zu hoch. Deshalb müsse an Bewegungsjagden festgehalten werden. Immerhin habe sich die Rehwildstrecke im Heilbronner Staatswald je 100 Hektar bei zwölf geschossenen Tiere pro Jahr eingependelt. Was den allgemeinen Waldzustand betreffe, so gehöre zwar das „Waldsterben“ der Vergangenheit an, doch von einem „gesunden Wald“ könne nicht durchgängig die Rede sein, denn gemäß Überwachungsprogramm lasse Nadel- bzw. Blattverlust und Kronenzustand bei 40 Prozent der Bäume Schäden erkennen, durch wärmere Temperaturen, zu wenig oder saurem Regen, aber auch durch Schädlingsbefall.
Zur naturnahen Forstwirtschaft gehören heute auch Sorgfalt und Regeln bei der Walderschließung für die Holzernte und Holzbringung durch befestigte Wege und ein permanentes Rückegassennetz. Der Einsatz von Vollerntern und Tragschleppern mit Raupenketten oder Bogiebändern trage zur Bodenschonung bei.
Das Ökosystem Wald zeichnet sich schließlich nicht nur durch eine riesige Artenvielfalt von Pflanzen und Pilzen, Säugetieren, Nagern und Vögeln sowie unzähligen Käfer- und Insektenarten aus. Der Wald ist ein wichtiger Klimafaktor, unser größter Kohlenstoffspeicher, schützt das Grundwasser, ist Schutz gegen Überschwemmungen und Erosion. Vor allen wissen wir die Erholungsfunktion des Waldes – das Walderlebnis – zu schätzen. Dass die faszinierende Natur des Waldes erschlossen und bewahrt wird, das ist dar ureigene Anliegen jedes Försters, versicherte Sieghart Brenner.

Bäume und Menschen haben vieles gemeinsam – Eine spirituelle Waldführung am Jägerhaus mit einem Förster-Ehepaar

Veranstaltung am 22. April 2013

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(Foto: Rolf Gebhardt)

„Lehrmeister Wald: uralt und unsagbar weise“. Unter diesem Themenanspruch stand eine alternative und spirituelle Waldführung mit der Heilbronner Stadtförsterin Dr.Gunda Maria Rosenauer und dem Untergruppenbacher Revierförster Jörg Kuebart. An die 100 „Junge Senioren“ folgten dieser Einladung zum Heilbronner Jägerhaus.

Just zu dieser Themenführung stand auf dem Kalender ein weltweiter Aktionstag: Der „Tag der Erde“, der seit 1990 alljährlich am 22. April in 175 Länder begangen wird und die Wertschätzung für die natürliche Umwelt stärken soll. Eine – unausgesprochen – bessere Vorgabe hätte es für Försterin Rosenauer, die auch Diplom-Pädagogin und sowieso vielseitig ausgebildet und erfahren ist, nicht geben könnnen. Sie machte gleich eingangs Parallelen zwischen Bäumen und Menschen deutlich : „Die Herkunft, der Untergrund, ist entscheidend.“

Es gibt nun mal unterschiedliche Voraussetzungen für Entstehung und Heranbildung. Jede Baumart hat andere ideale Standorterfordernisse hinsichtlich Boden- und Umweltbedingungen. Die Buche braucht mehr Schatten, die Eiche mehr Licht, braucht Platz zum Wachsen. Eichen sind Pfahlwurzler, Fichten Flachwurzler. Aber alle Bäume müssen gut verwurzelt sein,um sich voll ausbilden zu können, wobei das Verhältnis von Wurzeln und Kronen in etwa entsprechend ist. Es bedarf der Geduld, wenn Bäume heranwachsen, und sie wachsen ihr Leben lang,  reagieren flexibel auf die Wechselfälle, haben je nach Jahreszeit Stillstands- bzw. Erholungsphasen und erneuern sich ständig, Verletzungen werden „überwallt“, doch gibt es auch Wunden, an denen sie zugrunde gehen.

Die Natur, darauf machte die Försterin besonders aufmerksam, nimmt zuerst – Wasser, Nähstoffe, Sonne – , bevor sie gibt. Und dann kann sie großzügig sein, verschwenderisch. So können von einer  Eiche 40 000 Eicheln abfallen. Bäume leben einzeln, und doch in der Gruppe des Waldes. Der sich gegenseitig beeinflussende Lebensraum ist die Gemeinschaft – für Bäume und Natur wie für die Menschen. Jeder Baum ist für den Wald wertvoll, sei es ein Solitär- oder Pionierbaum oder ein kranker oder umgestürzter Baum. Gerade vermeintlich minderwertiges und kaputtes Holz bietet Heimat für unzählige Lebewesen, Nestbauer und Höhlenbewohner aller Art.

„Das Ökosystem Wald“ beinhaltet einen vernetzten Stoffkreislauf mit verzwickten Nahrungsketten“, erläuterte Förster Kuebart. Bei jeder Buche und Eiche sind hunderte von Käferarten angesiedelt. Die in den Rinden und von den Blättern lebenden Insekten sind unverzichtbare Nahrung für Vögel. Die toten Teile des Waldes dienen vielen Tieren und Pflanzen – Pilzen und Bakterien vor allem – zur Ernährung. Flechten sind Lebensgemeinschaften von Algen und Pilzen. Assimilation und Dissimilation ergänzen sich, halten den Energiefluss im Gang. Zersetzungen sind unentbehrlich für die Mikrowelt des Bodens, in dem pro Quadratmeter Milliarden Mikroorganismen leben und „schaffen“, auch tausende Arten von Milben.

Die Waldführung erstreckt sich auf Teile des Heilbronner Walderlebnispfades, wobei  nicht alle der 17 Stationen der 4 km langen Strecke berührt wurden, wohl aber das in mühevoller Kleinarbeit geschaffene Labyrinth und das attraktive Vogelorgel-Rad, das die Stimmen der Vögel unserer Wälder erklingen lässt, bis hin zu dem in einer Baumscheibe verewigten Plinius-Wort: Die Bäume und der Wald sind das höchste Geschenk, das die Erde den Menschen bietet. Bei so viel Waldmystik durfte ein kultischer Tanz um Bäume bei sphärischer Musik nicht fehlen – ein etwas schwieriges, aber verbindendes Unterfangen bei so vielen Teilnehmer/innen: mit je vier Schritte seitwärts, nach vorn und zurück und Hin- und Herwiegen. Abschluss dann bei Kaffee und Kuchen im Waldhaus.

Hier stand das Försterehepaar für Fragen bereit: Nachhaltigkeit steht im Vordergrund der Bewirtschaftung der Reviere. Beide legen Wert darauf, dass weniger Nutzholz eingeschlagen wird als zuwächst und dass fünf Prozent der Fläche frei gehalten wird für „natürlichen Wald“, der sich selbst überlassen bleibt.Zum Schluss gab Kuebart das muntere Heinz-Erhard-Gedicht von der Made zum Besten und Rosenauer einen ernsten Witz: Treffen sich zwei Planeten im Weltall. Sagt der eine zum anderen, du siehst aber schlecht aus. Entgegnet der, das ist kein Wunder, ich habe Homo Sapiens. Meint der erste, das ist nicht schlimm, das habe ich auch mal gehabt, das vergeht.