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Anerkannter Schulpionier und umstrittener Naturforscher – Historiker Bernhard Müller über Lehrerseminar-Gründer Friedrich Reinöhl

Veranstaltung vom 11. März 2013

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Friedrich Reinöhl – Namensgeber einer Grundschule in Heilbronn-Böckingen – genießt einerseits einen hervorragenden Ruf als Schulpionier, ist anderseits jüngst wegen seiner umstrittenen Rassenhygienelehre im Nazi-Reich in Verruf geraten. Über beide Aspekte von Reinöhls Schaffen informierte Studiendirektor i.R. Bernhard Müller bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

„Botaniker und Vererbungsforscher – Bahnbrecher einer modernen Lehrerausbildung – Kämpfer für die geistige Freiheit des Lehrerstandes und der Volksschule“. Mit diesen Worten wurde Friedrich Reinöhl auf einer – inzwischen in der Versenkung verschwundenen – Ehrentafel der Reinöhl-Schule gewürdigt. Im Grunde sind dies nach wie vor gültige Zuschreibungen, wenngleich als Naturforscher mit Vorbehalt.

Friedrich Reinöhl wurde 1870 in Bissingen unter Teck geboren, wo ihm später auch die Ehrenbürgerwürde zuerkannt wurde. Nach seinem Studium, das er mit Dr. rer.nat. abschloss, trat er 1905 in die damalige Schulbehörde (Konsistorium) ein und beschäftigte sich vor allem mit Fragen der Lehrerausbildung in der Volksschule. 1912 wurde er erster Rektor des neu gegründeten  Ev. Lehrerseminars Heilbronn, ein pompöser Neubaus unterhalb des Wartbergs. Bei der Einweihung des Lehrerseminars am 21. September 1912 verkündete Reinöhl als seine Maxime für die Lehrerausbildung: „Der Unterricht soll die Selbstständigkeit der Schüler wecken … und die Eigenart der Schüler berücksichtigen“. Überhaupt, so stellte Müller heraus, propagierte Reinöhl eine auch für heutige Verhältnisse moderne Lehrmethode und Unterrichtsform.

Bis ins 19. Jahrhundert wurde der Unterricht an Elementarschulen in der Regel von nicht weiter ausgebildeten Kräften erteilt, bestenfalls von Pfarrern, aber auch von Studenten und Handwerkern, so dass man nicht von einem flächendeckend überzeugenden Grundbildungswesen sprechen konnte. Die Herausbildung von Lehrerseminaren Ende des 19.Jahrhunderts war da schon ein großer Fortschritt. Sie entstanden zumeist in ländlichen Regionen, so in Württemberg etwa in Künzelsau und Saulgau, um das dortige Begabungspotenzial zu erschließen. In dem stattlichen Seminargebäude in Heilbronn, das nahezu eine Million Mark kostete, befanden sich großzügige Lehr-, Arbeits- und Schlafräume für angehende Volksschullehrer, die in der Regel mit 19 Jahren ihre erste Dienstprüfung machen konnten.

Reinöhls pädagogischer Reformehrgeiz ging jedoch über das Lehrerseminar hinaus. So trat er zu Beginn der Weimarer Republik 1919 wieder in die nunmehr republikanische Schulverwaltung ein und wurde noch im gleichen Jahr oberster Beamter – „Präsident“ – im Konsistorium in Stuttgart, der Schulbehörde für das (evangelische) Volksschulwesen in Württemberg: „Vom Bauernbub zum Präsidenten“. Hierbei erwarb er sich eine Reihe von Verdienste um das „Schulwesen für 95 Prozent aller Schüler“, so mit der Einführung der  gemeinsamen Grundschule für alle (alternativ für vier, sechs oder acht Jahren).

Nach seiner Pensionierung 1935 widmete sich Reinöhl verstärkt seinem eigentlichen Studiengebiet, der Naturkunde. In diesem Bereich hatte er schon in seiner aktiven Zeit Vorträge gehalten und Standardwerke zur Pflanzen- und Tierzucht verfasst. Nun näherte er sich dem nationalsozialistischen  Gedankengut und gab für Pädagogen eine Abstammungslehre heraus, indem er als Rassehygieniker das NS-Gesetz zur Verhütung erkrankten Nachwuchses begrüßte. Von der Uni Tübingen wurde er mit Dr. med. h.c. ausgezeichnet.

Reinöhls Anbiederung an die NS-Ideologien ist heute nicht mehr vermittelbar und ist – nach Bekanntwerden in den letzten Jahren – für die Reinöhl-Schule nicht tragbar,  hat sie sich doch dem Leitbild verpflichtet: „Wir fördern jedes Kinder nach seiner Begabung und Fähigkeit.“ Diese gut 100 Jahre alte „Volksschule“, die ursprünglich Westraßenschule und von 1933-45 Hindenburgschule hieß, wurde 1952 nach dem damals in Zaberfeld wohnenden Reinöhl (der dort 1957 verstarb) benannt. Die Schule hat jüngst diesen NS-belasteten Namen abgelegt und nennt sich ab nächstem Schuljahr Grundschule  Alt-Böckingen.

Das Heilbronner Lehrerseminar – die erste überregionale Bildungseinrichtung Heilbronns – wurde 1937 im Zuge einer bildungspolitischen Umstrukturierung im Dritten Reich geschlossen. Es wurde daraus ein Hauswirtschaftliches Seminar. Bei dem Luftangriff auf Heilbronn am 4. Dezember 1944 wurde auch dieses Gebäude erheblich zerstört. Eine Wiederbelebung eines Lehrerseminars in Heilbronn war anfangs nicht vorgesehen, wohl aber in Künzelsau. Der renovierte Gebäudekomplex, dessen Inneres – Treppenhaus, Säle – noch an das alte Lehrerseminar erinnert, beherbergt heute die Lindparkschule, eine Gehörlosenschule.

Ein Lehrerseminar, und zwar für die Aus- und Fortbildung von Gymnasiallehrer, entstand Anfang der 70er Jahre in Heilbronn an der Stuttgarter Straße, das heutige Staatliche Seminar für Didaktik und Lehrerbildung, von 1973 bis 1997 geleitet von dem Gründungsdirektor Prof. Udo Kretzschmar, wo auch Referent Bernhard Müller viele Jahre Ausbildungsdozent für Geschichte war. Unter dem gleichen Dach ist diesem Seminar seit 1984 auch eine Ausbildungsstätte für Lehrer an Grund-, Haupt- und Werkrealschulen angeschlossen, wo  Absolventen von Pädagogischen Hochschulen eine einsemestrige Praxisausbildung absolvieren.