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Die schillernde Persönlichkeit des Robert Mayer – Annette Geisler vom Stadtarchiv über den Entdecker des Energieerhaltungssatz

2014-11-03_08akl

Annette Geisler (Foto: Rolf Gebhardt)

„Mensch Mayer“ – unter diesem Motto steht eine Sonderausstellung im Haus der Stadtgeschichte Heilbronn im Otto-Rettenmaier-Haus. Unter diesem Aspekt stellte auch die Stadtarchiv-Bibliothekarin und Kuratorin Annette Geisler ihr Referat über Robert Mayer, der als Erster den Energieerhaltungssatz – ein physikalisches Grundgesetz – formulierte, bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus. In einem zweistündigen spannenden Vortrag, unterbrochen von einer 20minütigen Kaffeepause „zur Erhaltung der Energie“, vermochte die charmante Referentin, deren illustrierten Ausführungen fast 100 Zuhörer/innen geradezu gebannt folgten, die wechselvolle Biografie und der mit vielen bekannten Heilbronner Namen verbundene Familiengeschichte der schillernden Persönlichkeit Robert Mayers anhand von zugestandenermaßen mitunter „indiskreten“ Archivunterlagen und Nachlässen unterhaltsam, anschaulich und nachdenkenswert darzustellen.

Geboren wurde Julius Robert Mayer am 25. November 1814 in der Rosengasse, wo der Vater Christian Jakob von der Kaufmannsfamilie Rauch einen geräumigen Gebäudekomplex erworben und seine Apotheke „Zur Rose“ eingerichtet hatte (bereits 1892 abgerissen). Wie Annette Geisler darlegte, genoss er und seine beiden älteren Brüder eine liebevolle und freiheitliche Erziehung. Robert zeigte sich schon als Kind an naturkundlichen Erscheinungen interessiert, war jedoch an der humanistischen Schule ein schlechter Schüler, „der mit anderen Maßstäben zu messen war“.

Ab 1831 studierte er an der Landesuniversität Tübingen Medizin, wurde 1837/38 mit anderen Kommilitonen wegen öffentlich die Farben tragen einer von ihm mitgegründeten unerlaubte Studentenverbindung für ein Jahr suspendiert, nutzte die Zeit zu Reisen und Studienzwecken, und promovierte dann doch zum Doctor medicinae et chirurgiae. Über Verwandt hatte er Kontakte nach Rotterdam, lernte Holländisch, und nach einen Zwischenaufenthalt in Paris musterte er 28jährig als Sanitätsoffizier auf der holländischen Dreimastbark „Java“ zur Fahrt nach Niederländisch Indien (Indonesien) an. Auf dieser Reise machte er als Kolonialarzt (bei Aderlässen) und durch Beobachtung der Meereswellen die überraschende Entdeckung. dass Bewegung und Wärme Erscheinungsformen des gleichen Phänomens und der gleichen Einheit sind, der „Kraft“ (Energie), eine Erkenntnis, die heute längst zum klassischen Unterrichtsstoff gehört.

Nach Heilbronn zurückgekehrt ließ er sich zum Oberamtswundarzt wählen, heiratete Wilhelmine geborene Closs (1816-1899) und wohnte in einem dreistöckigen Haus am Kirchhöfle. Bewegend schilderte Annette Geisler, wie Mayer seine Forschungen ausbaute, sie allerdings in den „falschen“ Fachzeitschriften (erstmals 1842) veröffentlichte. Die Nichtbeachtung sowie die Flucht seiner radikal-demokratischen Brüder und der Tod von zwei seiner Kinder trieb ihn im Delirium am 28. Mai 1850 zu einem Suizid-Versuch (Fenstersturz). Ein knappes Jahr später praktizierte er zwar wieder als Stadtarzt, doch seine manisch-depressiven Krankheitserscheinungen mehrten sich; er wurde Patient in der „Staatsirrenanstalt“ Winnenthal und in der Heilanstalt Kennenburg, zu Hause verständnisvoll gestützt von seiner Frau und Schwägerin Emma Closs, geb. Knorr.

Schließlich erfuhr Mayer doch noch zahlreiche öffentliche Anerkennungen und Ehrungen, auch aus England, wo ihm vorübergehend James Prescott Joule den Entdeckerruhm streitig machte, und er erhielt vom württembergischen König den Personaladel. Bei einem Kongress in Innsbruck stellte er allerdings seinen Lehrsatz „Nichts entsteht aus Nichts“ in Frage, versteifte sich entgegen des Darwinismus auf einen Schöpfergott und riskierte seinen wissenschaftlichen Ruf: verkannt als irrer Provinzarzt,  in der Welt der Physik nicht ernst genommen  – „ein genialer Spinner“.

Am 20. März 1878 starb der „größte Sohn der Stadt Heilbronn“, dessen Grabmal im „Alten Friedhof“ zu finden ist. 1892 wurde er mit einem Denkmal gewürdigt, das heute wieder auf  dem ursprünglichen Platz am Marktplatz vor dem Rathaus steht. Nach ihm ist auch das Robert-Mayer-Gymnasium benannt, gibt es eine Robert-Mayer-Sternwarte und einen Robert-Mayer-Schulpreis. Und just im Anschluss an die Veranstaltung der „Jungen Senioren“ wurde als Höhepunkt des Mayer-Jubiläumsjahres in einem Festabend in der Harmonie eine offizielle 90-Cent-Sonderbriefmarke „Julius Robert von Mayer“, und der bekannte Wissenschaftler Ranga Yogeschwar würdigte Mayers Verdienste. Eingeladen waren auch über 30 Mayer-Nachkommen aus dem In- und Ausland, zurückgehend auf Mayers 1843 geborene älteste Tochter Elise.