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Ein Arzt kann keine Wunderheilung versprechen – Dr. Axel Menzebach: Trotz chronischen Schmerzen mehr Lebensqualität finden

Veranstaltung vom 28. Januar 2013

(Foto: iStock)

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Allzu viele Menschen müssen die Erfahrung machen: Chronische Schmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität. Also eine wichtige Angelegenheit für die „Jungen Senioren“, zu diesem Thema einen kompetenten Fachmann für ein Referat ins Hans-Rießer-Haus einzuladen: Dr. med. Axel Menzebach, stellvertretender Direktor des Zentrums für Anästhesiologie der SLK-Kliniken Heilbronn, der größten SLK-Fachabteilung, und Chefarzt des Klinikums am Plattenwald Bad Friedrichshall für Schmerztherapie sowie operative Intensivmedizin und Notfallmedizin.

Heutzutage wird im modernen Gesundheitswesen der Arzt mit der grundsätzlichen Aufgabe konfrontiert, primär „immer zu heilen“. Dieser absolute Heilungsanspruch der Patienten ist laut Menzebach jedoch längst nicht immer erfüllbar: „Ein Arzt kann keine Wunderheilung versprechen.“ Auch eine so plakative Aussage wie „niemand muss Schmerzen ertragen“ sei fahrlässig, denn eine völlige Schmerzstillung sei höchstens nur über eine Betäubung des Schmerzes durch massive Schmerzmedikamente möglich und die sich daraus ergebenden Nebenwirkungen unzumutbar.

Schmerzen sind, wie es Menzebach definierte, eine komplexe Sinneswahrnehmung, die das Wohlbefinden stört, auf schädigende innere oder äußere Reizung beruht und akut den Charakter eines Warnsignals hat. Auf diese Weise machen sich – neben Verletzungen – viele krankhafte Vorgänge bemerkbar. Akute Schmerzen sollten möglichst sofort behandelt werden. Chronische Schmerzen, also Schmerzen, die sich über mehr als sechs Monate hinziehen, haben sich über die Warn- und Schutzfunktion hinaus zu einem eigenständigen Krankheitsbild entwickelt. Es besteht die Gefahr, dass es zu einer gegenseitigen Verstärkung von Schmerzursache und psychischen Schmerzfolgen kommt, was sich leicht in Schlafstörungen bis hin zu Depressionen niederschlägt. Menzebach führte zwei Beispiele aus seiner Praxis auf: Eine 87jährige Frau, die seit 30 Jahren an Schmerzen aus verschiedenen Ursachen (auch Narbenschmerzen) leidet, vollgestopft mit Morphin-Dosierungen, „weil ja sonst nichts hilft“, mit entsprechenden üblen Nebenwirkungen, immer müde oder gereizt und mit unsicherem Gang, zurückgezogen lebend. Dann eine 19Jährige mit jahrelangen paristierenden Spannungskopfschmerzen, immer wieder in psychosomatischer Behandlung, die den Schulbesuch abbrechen musste, hin und wieder eine Aspirin nehmend.

Schmerzlos kann man solche Patienten nicht machen, meinte Menzebach, auch wenn die Werbung oft solches verspreche. Dermaßen eingebrannte Schmerzzustände ließen sich höchstens um die Hälfte reduzieren. Realistische Behandlungsziele seien vornehmlich auf Verbesserung der Lebensqualität und der sozialen Eingliederung abgestellt. Da eine Beseitigung von Schmerzursachen, etwa durch operative Eingriffe, meist kaum mehr möglich sei, gehe es darum, Ressourcen zu aktivieren, bei der SLK sowohl durch ambulante Therapie als auch stationäre Behandlung (die Krankenkasse gewährt sie für zwölf Tage). Am Anfang einer Schmerztherapie sei es hilfreich, dass der Patient die Schmerzintensität auf einer Schmerzskala angibt und dies immer wieder kontrolliert wird, um die Nachhaltigkeit der Behandlung feststellen zu können. Dafür gibt es besondere Schmerzfragebogen. Empfehlenswert ist das Führen eines Schmerztagebuchs. Unumgänglich sei eine Bilanz der Medikamenteneinnahme mit Umstellung und Reduzierung der Dosierung, um eine „Entgiftung“ zu erreichen, also eine Verminderung der Nebenwirkungen, da eine mehrteilige Medikamentierung oft kontraproduktive Wirkungen herbeiführt. Viele Schmerzen führen zu Schonhaltungen und falschen Bewegungen. Sich wenig bewegen wird als hilfreich erlebt, wenngleich man dadurch an Muskelmasse verliert und schlapper wird, man ängstlich und depressiv wird und noch stärker an Schmerzen leidet. Bei chronisch Schmerzkranken drehen sich ganz viele Dinge nur noch um den Schmerz, und das soziale Umfeld wird vernachlässigt. Es können psychosomatische Schmerzen als körperlicher Ausdruck von seelischen Problemen vorliegen. Es muss darum gehen, das seelische Gleichgewicht wieder herzustellen. Krankengymnastische und Entspannugsübungen sowie regelmäßiges körperliches Training insbesondere unter Ausdauer-Aspekten können Menzelbach zufolge nicht nur Schmerz-Ablenkung sondern auch am ehesten erlebbare Schmerzlinderung bewirken.