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Staunen über das Technische Schulzentrum – Oberstudiendirektor Bruno Troßbach präsentierte „seine“ Wilhelm-Maybach-Schule

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Schulleiter Bruno Troßbach führt durch Werkstätten der Maybach-Schule (Foto: Rolf Gebhardt)

Eigentlich sind für die „Jungen Senioren“ schulische Angelegenheiten kein drängendes Problem. Doch da alljährlich während des traditionellen Heilbronner Pferdemarktes der übliche Vortragssaal im Hans-Rießer-Haus wegen des gleichzeitig stattfindenden Flohmarkts nicht zugänglich ist, bot sich eine Gelegenheit zur Besichtigung der Wilhelm-Maybach-Schule. Der Zuspruch war über Erwarten groß, und viele konnten der Abschlussbemerkung des Schulleiters, Oberstudiendirektor Bruno Troßbach, zustimmen, den Enkeln im Zweifelsfalle den Besuch dieser Schule zu empfehlen.

Für die Teilnehmer/innen an der Exkursion war es nicht unbedingt verwunderlich von Troßbach zu hören, dass das Technische Schulwesen in Heilbronn schon seit über einem Jahrhundert eines der bedeutendsten Schulzentren im deutschen Südwesten ist. Schließlich war Heilbronn schon früh eine bedeutende Industriestadt, und nach wie vor verfügt die Wirtschaft des Heilbronner Landes über einen dichten Besatz an Maschinenbau, Kraftfahrzeugindustrie, Metall-und Elektro-Erzeugung.

Nach dem II. Weltkrieg begann im zerstörten Heilbronn 1946 wieder der Berufsschulunterricht für 1600 Schüler in 62 Klassen. Auf dem Gelände des früheren im Krieg zerstörten städtischen Krankenhauses in der Heilbronner Paulinenstraße entstand in den fünfziger Jahren ein Neubau als größte und modernste gewerbliche Schule in Baden-Württemberg. Die 3800 Schüler wurden – nach den Lehrberufen – eingeteilt in zwei selbstständige gewerbliche Berufsschulen, die 1973 auch neue Namen bekamen: nach dem in Heilbronn geborenen Motoren- und Automobil-Konstrukteur Wilhelm Maybach und nach dem Heilbronner Industriepionier Johann Jakob Widmann.

Wie Schulleiter Bruno Troßbach darlegte, ist das gemeinsame Schulareal dieses Technischen Schulzentrums nach mehreren Umbauten und Erweiterungen mit 55 000 Quadratmeter Unterrichtsfläche das größte Haus der Stadt Heilbronn, die auch für dessen Betrieb und Unterhalt zuständig ist (jährlich rund 800 000 Euro). Troßbachs Wilhelm-Maybach-Schule, an der rund 150 Lehrer (auch Handwerks- und Industriemeister) unterrichten, zählt 2600 bis 2700 Schülern, wovon etwa 1000 hier täglichen Unterricht haben. Die Johann Jakob Widmann-Schule ist fast ebenso groß, was bedeutet, dass das Schulzentrum jeden Tag um die 3000 Schülern – einschließlich der Teilzeit-Schüler – besucht werden, die hier auch in der Mensa verpflegt werden können.

OStD Bruno Troßbach, der von der (kaufmännischen) Gustav-von-Schmoller-Schule gekommen ist, kann sich nach eigenem Bekunden kein interessanteres, und spannenderes Betätigungsfeld als dieses gewerbliche Schulzentrum vorstellen, und trotz seiner 65 Lebensjahre denkt er noch mal an eine Verlängerung seiner Schulleiterposition. Natürlich gäbe es bei so viel Schülern, von denen etwa zwei Drittel multikulturellen Hintergrund (aber oft die deutsche Staatsbürgerschaft) haben, auch immer wieder besondere – auch psychosoziale – Probleme, vielleicht mit fünf Prozent „Auffälligen“, von denen einige auch schon mal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. „Aber wir geben niemand verloren, wohl wissend, dass die die Firmen der heimischen Industrie und die Handwerksbetriebe auf gut ausgebildete gewerbliche Fachkräfte dringend angewiesen sind.“

Zur Wilhelm-Maybach-Schule, die in erster Linie Berufsschule ist, gehören auch eine einjährige Berufsfachschule (Anlagenmechaniker, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik; Umwelt), ein zweijähriges Berufskolleg (Elektrotechnik), ein dreijähriges Berufskolleg (Fahrzeugtechnik), eine Fachschule für Technik (Fertigungstechnik, Konstruktion, Elektrotechnik; Automatisierungstechnik, Mechatronik) und ein Technisches Gymnasium mit den Profilen Technik/Mechatronik, Technik und Management, Gestaltungs- und Medientechnik sowie Informationstechnik.

Bei geführten Rundgängen durch einige der fast drei Dutzend Werkstätten konnten sich die „Jungen Senioren“ staunend überzeugen von dem hohen Stand der Ausbildung mit hochmodernen Arbeitstischen und technischen Einrichtungen: Von den Bereichen Schleifen, Schweißen und Schmieden über Bohren, Fräsen und Löten bis hin zum „Motorlebau“, dem Erstellen von Elektroschaltungen gemäß Schaltplänen und mittels Diagnosegeräten Fahrzeug-Reparatur und -Service, schließlich ein vielseitiger Nutzfahrzeugbereich, auch für angehende Berufskraftfahrer, die selbst mit Logistik und Ladungssicherung vertraut gemacht werden.

Anerkannter Schulpionier und umstrittener Naturforscher – Historiker Bernhard Müller über Lehrerseminar-Gründer Friedrich Reinöhl

Veranstaltung vom 11. März 2013

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Friedrich Reinöhl – Namensgeber einer Grundschule in Heilbronn-Böckingen – genießt einerseits einen hervorragenden Ruf als Schulpionier, ist anderseits jüngst wegen seiner umstrittenen Rassenhygienelehre im Nazi-Reich in Verruf geraten. Über beide Aspekte von Reinöhls Schaffen informierte Studiendirektor i.R. Bernhard Müller bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

„Botaniker und Vererbungsforscher – Bahnbrecher einer modernen Lehrerausbildung – Kämpfer für die geistige Freiheit des Lehrerstandes und der Volksschule“. Mit diesen Worten wurde Friedrich Reinöhl auf einer – inzwischen in der Versenkung verschwundenen – Ehrentafel der Reinöhl-Schule gewürdigt. Im Grunde sind dies nach wie vor gültige Zuschreibungen, wenngleich als Naturforscher mit Vorbehalt.

Friedrich Reinöhl wurde 1870 in Bissingen unter Teck geboren, wo ihm später auch die Ehrenbürgerwürde zuerkannt wurde. Nach seinem Studium, das er mit Dr. rer.nat. abschloss, trat er 1905 in die damalige Schulbehörde (Konsistorium) ein und beschäftigte sich vor allem mit Fragen der Lehrerausbildung in der Volksschule. 1912 wurde er erster Rektor des neu gegründeten  Ev. Lehrerseminars Heilbronn, ein pompöser Neubaus unterhalb des Wartbergs. Bei der Einweihung des Lehrerseminars am 21. September 1912 verkündete Reinöhl als seine Maxime für die Lehrerausbildung: „Der Unterricht soll die Selbstständigkeit der Schüler wecken … und die Eigenart der Schüler berücksichtigen“. Überhaupt, so stellte Müller heraus, propagierte Reinöhl eine auch für heutige Verhältnisse moderne Lehrmethode und Unterrichtsform.

Bis ins 19. Jahrhundert wurde der Unterricht an Elementarschulen in der Regel von nicht weiter ausgebildeten Kräften erteilt, bestenfalls von Pfarrern, aber auch von Studenten und Handwerkern, so dass man nicht von einem flächendeckend überzeugenden Grundbildungswesen sprechen konnte. Die Herausbildung von Lehrerseminaren Ende des 19.Jahrhunderts war da schon ein großer Fortschritt. Sie entstanden zumeist in ländlichen Regionen, so in Württemberg etwa in Künzelsau und Saulgau, um das dortige Begabungspotenzial zu erschließen. In dem stattlichen Seminargebäude in Heilbronn, das nahezu eine Million Mark kostete, befanden sich großzügige Lehr-, Arbeits- und Schlafräume für angehende Volksschullehrer, die in der Regel mit 19 Jahren ihre erste Dienstprüfung machen konnten.

Reinöhls pädagogischer Reformehrgeiz ging jedoch über das Lehrerseminar hinaus. So trat er zu Beginn der Weimarer Republik 1919 wieder in die nunmehr republikanische Schulverwaltung ein und wurde noch im gleichen Jahr oberster Beamter – „Präsident“ – im Konsistorium in Stuttgart, der Schulbehörde für das (evangelische) Volksschulwesen in Württemberg: „Vom Bauernbub zum Präsidenten“. Hierbei erwarb er sich eine Reihe von Verdienste um das „Schulwesen für 95 Prozent aller Schüler“, so mit der Einführung der  gemeinsamen Grundschule für alle (alternativ für vier, sechs oder acht Jahren).

Nach seiner Pensionierung 1935 widmete sich Reinöhl verstärkt seinem eigentlichen Studiengebiet, der Naturkunde. In diesem Bereich hatte er schon in seiner aktiven Zeit Vorträge gehalten und Standardwerke zur Pflanzen- und Tierzucht verfasst. Nun näherte er sich dem nationalsozialistischen  Gedankengut und gab für Pädagogen eine Abstammungslehre heraus, indem er als Rassehygieniker das NS-Gesetz zur Verhütung erkrankten Nachwuchses begrüßte. Von der Uni Tübingen wurde er mit Dr. med. h.c. ausgezeichnet.

Reinöhls Anbiederung an die NS-Ideologien ist heute nicht mehr vermittelbar und ist – nach Bekanntwerden in den letzten Jahren – für die Reinöhl-Schule nicht tragbar,  hat sie sich doch dem Leitbild verpflichtet: „Wir fördern jedes Kinder nach seiner Begabung und Fähigkeit.“ Diese gut 100 Jahre alte „Volksschule“, die ursprünglich Westraßenschule und von 1933-45 Hindenburgschule hieß, wurde 1952 nach dem damals in Zaberfeld wohnenden Reinöhl (der dort 1957 verstarb) benannt. Die Schule hat jüngst diesen NS-belasteten Namen abgelegt und nennt sich ab nächstem Schuljahr Grundschule  Alt-Böckingen.

Das Heilbronner Lehrerseminar – die erste überregionale Bildungseinrichtung Heilbronns – wurde 1937 im Zuge einer bildungspolitischen Umstrukturierung im Dritten Reich geschlossen. Es wurde daraus ein Hauswirtschaftliches Seminar. Bei dem Luftangriff auf Heilbronn am 4. Dezember 1944 wurde auch dieses Gebäude erheblich zerstört. Eine Wiederbelebung eines Lehrerseminars in Heilbronn war anfangs nicht vorgesehen, wohl aber in Künzelsau. Der renovierte Gebäudekomplex, dessen Inneres – Treppenhaus, Säle – noch an das alte Lehrerseminar erinnert, beherbergt heute die Lindparkschule, eine Gehörlosenschule.

Ein Lehrerseminar, und zwar für die Aus- und Fortbildung von Gymnasiallehrer, entstand Anfang der 70er Jahre in Heilbronn an der Stuttgarter Straße, das heutige Staatliche Seminar für Didaktik und Lehrerbildung, von 1973 bis 1997 geleitet von dem Gründungsdirektor Prof. Udo Kretzschmar, wo auch Referent Bernhard Müller viele Jahre Ausbildungsdozent für Geschichte war. Unter dem gleichen Dach ist diesem Seminar seit 1984 auch eine Ausbildungsstätte für Lehrer an Grund-, Haupt- und Werkrealschulen angeschlossen, wo  Absolventen von Pädagogischen Hochschulen eine einsemestrige Praxisausbildung absolvieren.